Eine Queer Lecture von Livia Prüll

„Trans*menschen gab es immer schon“, erklärte Livia Prüll, die am Dienstagabend auf Einladung der Initiative Queer Nations (IQN) in die Galerie PS120 gekommen war und einen faszinierenden Beitrag zu den Queeren Kulturwochen des E2H beisteuerte: Der Trans*mensch als Mitmensch. Diversität als Chance für unsere Gesellschaft.

„Ich fühle mich sehr geehrt, dass ich etwas zum Projekt E2H beitragen kann“, erklärte sie eingangs.

Grafik: Livia Prüll

Prüll (Jahrgang 1961) ist Medizinhistorikerin an der Uni Mainz mit 30 Jahren Erfahrung im deutschen Wissenschaftssystem, hatte 2014 ihr Coming-out als Trans*frau. Sie forscht zur Geschichte und Medizinethik der Transidentität / Transsexualität und arbeitet ferner als Transaktivistin.

Alles ist möglich im Kosmos der Transidentität, erklärte sie in ihrer Lecture. „Menschen, die sich einmal im Jahr umziehen oder einmal im Monat; andere immer nach der Arbeit. Es gibt jene, die nur Hormone nehmen, und jene, die sich für die vollständige Transition mit geschlechtsangleichender Operation entscheiden. „

Beginn der Kategorisierung nach Geschlecht
Früher sei Transidentität gar kein Thema gewesen. „Es gab Männer, die bei Hofe als Frau gelebt haben, und es gab Frauen, die in der Armee gedient haben. Erst Ende des 18. Jahrhunderts, v. a. im 19. Jahrhundert wurde dann Leben sortiert, Menschen nach Rassen und auch nach Geschlechtern kategorisiert.“

Transsexualität bzw. -identität ist nicht pathologisch, erklärte Prüll und räumte ein: „Wir haben eine tolle Entwicklung hinter uns. Ich hätte vor 30 Jahren nicht an der Uni lehren können.“ Das cis Menschen noch oft ein Problem damit hätten, könne sie nachvollziehen. „Das Zuordnen-Wollen war auch in mir drin: Früher, ich wusste schon, ich war trans und lebte noch als Mann – da habe ich mal eine Frau gesehen, die sah aus wie ein Mann. Das trieb mich um, diese Frage: Was bist du?“

20 % aller Trans*leute sind arbeitslos
Noch vieles sei zu tun. Nicht allein brauche es eine vernünftige Reform des Transsexuellengesetzes. „20 % aller Trans*leute sind arbeitslos“, erklärte Prüll. Und sagte: Es gibt etwa 200.000 trans* Leute in Deutschland- so viele wie Post Mitarbeiter.“

e2h Berlin

Foto: E2H

Sie warnte vor allzu radikalen Forderungen, die es etwas in der non-binären Szene erhoben werden. „Die Forderung, die Anreden Frau und Mann abzuschaffen – das geht nicht. Man kann nicht gegen Diskriminierung kämpfen und dann selber andere diskriminieren.“

Kritisch äußerte sie sich auch zu der Forderung nach einem freien Zugang zu Hormonen. „Man muss, wenn man Respekt für sich verlangt, diesen auch für die Ärzte aufbringen, die die Rezepte schreiben.“ Hormone, so Prüll, seien immerhin ein massiver Eingriff in den Körper. Für Zurückhaltung seitens der Ärzte müsse man Verständnis haben.

Am Ende stellte sich Prüll sich den Fragen der Zuhörer*innen und antwortete sehr freimütig. „Ich erzähle immer auch intime, private Dinge, weil es das braucht, um sich verständlich zu machen. Diese Offenheit ist ein enormer Gewinn.“

Multiplikatoren für Offenheit
Über ihr heutiges Leben als Trans*frau sagte Prüll: „Man ist weniger krank. Ich habe zum Beispiel auch keine Migräne mehr wie früher.“ Zudem seien Trans*menschen Multiplikatoren für Offenheit. Das Äußerste, was an Akzeptanz möglich ist, so Prüll, sei, Witze über sich selbst machen.

Was die Trans*szene brauche, sei eine größere Professionalität der Verbände. Die amerikanische Szene sei da viel weiter. Sehr lobende Worte fand sie für die Evangelische Landeskirche Hessen-Nassau, die ganz viel gemacht hat für Trans*menschen. Prüll erzählte, sie habe viele solidarische cis Schwule und Lesben getroffen, allerdings berichtete sie aus Rheinland-Pfalz, dass es dort eher problematisch sei mit den Verbänden. Man nehme dort das „T“ in LGBTIQ offenbar als Konkurrenz wahr im Kampf um Fördergelder. Und sie äußerte ihr Bedauern, dass die von Gesundheitsminister Spahn (CDU) eingesetzte Fachkommission die Forderung nicht aufgegriffen habe, dass es auch Konversionstherapien im Trans* Bereich gebe. Hier werde eine „Chance verpasst“, da man diese nicht auch in die Verbotspläne einbeziehe.