Queer Lecture: Aus eines Mannes Mädchenjahren

E2H Berlin

„Aus eines Mannes Mädchenjahren“ (am 9. September 2019)

Eine Queer Lecture in Kooperation mit dem Queeren Kulturhaus, der Initiative Queer Nations und der taz.

Die Medizinhistorikerin Marion Hulverscheidt war am Montag zu einer  Queer Lecture in die taz-Kantine gekommen. Sie hat am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin ihre medizinhistorische Dissertation über weibliche Genitalverstümmelung im deutschsprachigen Raum im 19. Jahrhundert verfasst.

In ihrer Lecture ging es um den Autor des autobiographischen Romans „Aus eines Mannes Mädchenjahren“, der unter dem Pseudonym N. O. Body erschien. Dahinter verbirgt sich Karl M. Baer (geboren am 20. Mai 1885 in Arolsen als Martha Baer; gestorben am 26. Juni 1956 in Israel). Hulverscheidt konstruierte – soweit möglich – auf Grund des Romans und einer kärglichen Quellenlage das Leben und die Transition Baers.

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Medizinhistorikerin Marion Hulverscheidt (re) im Gespräch mit E2H-Vorstand Christiane Härdel (Foto: E2H)

Die Mutter fand, dass sich das Kind knabenhaft entwickelte. Im Buch, dessen Neuauflage im kommenden Jahr erscheint, heißt es, das Kind habe am liebsten Indianer gespielt und wurde – mangels Talent – vom Handarbeitsunterricht befreit. In der Pubertät blieb die Menstruation aus. Nie hatte ihr Bett Blutflecken. Darum wechselte sie später alle sechs Wochen die Wäscherin, damit es niemand bemerkte.

Als junge Frau wurde Baer ins polnische Galizien geschickt. Sie hielt dort Vorträge, gründete Frauenvereine. Man bewunderte ihre Redegabe. Was man merkwürdig an ihr fand, war ihre tiefe Stimme.

Hulverscheidt spricht von einem Stellvertreter-Aktionismus -für das, was sie war oder empfand, hatte sie damals keinen Begriff.  Baer setzte sich also gegen Frauenhandel in Galizien ein und forderte mehr Mitarbeit der Frauen in der zionistischen Bewegung.

Ab Herbst 1906 war sie bei Magnus Hirschfeld in Berlin gemeldet, der ein Gutachten erstellte, fünf Seiten auf der Maschine geschrieben. Darin hieß es u. a., der Gang sei männlich, es sei beim Gehen „kein Schwingen von Hüften und Schultern“ zu beobachten. Auch bestehe kein „weiblicher Ordnungssinn“.

Martha war verliebt in Beile Halpern, eine Frau. Wurde von Selbstmordgedanken geplagt, weil sie den Menschen, den sie liebte, nicht haben konnte.

Am 8. Januar 1907 wurde dem Antrag auf Korrektur stattgegeben, das Standesamt Arolsen korrigierte den Geburtseintrag. Baer lebte fortan als Mann und heiratete Halpern. Umbenennen wollte er sich in Magnus Theodor Carl Baer, erlaubt war aber nur ein Vorname. Im Verfahren von 1907 auf amtliche Feststellung der männlichen Geschlechtlichkeit trat als Gutachter der Berliner Arzt Georg Merzbach auf.

Unklar ist, ob damals bei Baer eine nach heutigem Verständnis geschlechtsangleichende Operation stattfand. Eine Operation war im Gutachten von Hirschfeld nicht empfohlen worden. Es liege auch kein OP-Bericht vor, auch der Name eines etwaigen Operateurs sei nicht bekannt, so Hulverscheid. Ihre These: Vielleicht hat es sich damals nur um eine Beschneidung gehandelt. Dazu kam die äußerliche Verwandlung: Das Kopfhaar trug Karl kurz, ließ den Bart wachsen, trug Hemd und Hose.

Hulverscheidt benutzte in ihrer Lecture bewusst nicht den Oberbegriff LGBTIQ. Sie orientierte sich am Titel des Buch: „Aus eines Mannes Mädchen Jahren.“ Sie entschied sich, der Selbstzuschreibung Baers zu folgen, mochte keine Fremdzuschreibung vornehmen.

Überhaupt riet sie zu Gelassenheit in diesen „identitätsvernarrten Zeiten“, wie es mal im Tagesspiegel stand. Auch sei das Geschlecht nur eine von vielen Zuordnungsformen.

Hulverscheidt begrüßte ausdrücklich das 2018 geänderte Personenstandsgesetz. „Jetzt ist erreicht was Hirschfeld schon 1907 gefordert ist: Über die Binarität hinaus muss es noch 3. Option geben.“ Das 20. Jahrhundert nennt Hulverscheidt das „Jahrhundert der Binarität“. Es gab nur entweder oder, schwarz oder weiß, Mann oder Frau.