LGBTIQ-Repräsentation im Museum

LGBTIQ-Repräsentation im Museum
Ein Input von Jens Kraushaar anlässlich von Tunten trümmern im Märkischen Museum

„Ich heiße Jens Kraushaar und ich bin wissenschaftlicher Volontär am Stadtmuseum Berlin. In vier Tagen endet meine zweijährige Ausbildung hier am Haus und ich hätte zu Beginn meines Volontariats vor 2 Jahren nicht gedacht, dass ich mal eine Tuntenshow hier im Stammhaus vom Stadtmuseum Berlin organisieren würde.

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Jens Kraushaar (Foto: e2h)

Warum hier? Warum eine Tuntenshow im Museum abhalten?
Hier in den Ausstellungen vom Märkischen Museum wird Berliner Geschichte verhandelt. In der Dauerausstellung BerlinZEIT finden sich aber zum Beispiel leider keine historischen Bezüge zur Berliner Schwulen- und Lesbenbewegung , obwohl Berlin als Austragungsort im Kampf um emanzipatorische Bestrebungen zentral war: um nur beispielhaft hier einige zu nennen: das Magnus Hirschfeld Institut für Sexualwissenschaft, was 1919 eröffnete und mit der Plünderung 1933 im Zuge der Bücherverbrennungen von den Nationalsozialisten vernichtet wurde.
Oder später in den 70 er Jahren organisierte sich hier in Berlin die erste Schwulenbewegung als „Homosexuelle Aktion Westberlin“, die sich u.a. für die Streichung des Paragraphen 175 einsetzte. Und hier in Berlin wurde natürlich der Berliner Tuntenstreit ausgetragen, wovon wir gleich noch hören werden.

Es geht um Repräsentation

Also alles sehr wichtige Geschehnisse, Ereignisse und Diskurse, die in Berlin stattgefunden haben und da merkt man: Es geht natürlich um Repräsentation – damit will ich sagen: Wenn Berlin heute als Regenbogenhauptstadt gilt und eine der größten LGBTIQ-Communitys in Europa vorzuweisen hat, dann fragt man sich schon (oder ich als Volontär, der vor 2 Jahren neu an dieses Haus gekommen ist) warum das und natürlich andere Themen, die Berlin bewegen, hier nicht oder nur marginalisiert in den Ausstellungen auftauchen, obwohl das Stadtmuseum Berlin mit seinen Inhalten die Stadt und die Stadtgeschichte mit dessen Akteur*innen repräsentieren soll.

Und daran knüpft sich natürlich ganz schnell die Frage, wer Geschichte macht, wer das Wissen über bestimmte Themen weiterträgt und wie Erinnerungskultur, Archivierung und das Sammeln von Objekten zu bestimmten Themenkomplexen im musealen Kontext eigentlich von statten geht.

Ich habe mir während meiner Zeit hier am Museum oft die Fragen gestellt, wie wir denn von der Geschichte lernen sollen, wenn wir die Geschichten (oder besser: unsere Geschichten) gar nicht kennen? Wenn sie schlichtweg nicht erzählt werden?

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Paul Spies, seit 2016 Museumsdirektor der Stiftung Stadtmuseum Berlin (Foto: Michael Stehle)

Gerade wenn es um die Tradierung, um das Festschreiben von Wissen geht, lassen sich dabei ganz spezifische Probleme benennen, die für die Geschichtsschreibung von LGBTIQ-Biografien, Geschichten oder Objekten im Museum von Bedeutung sind: Früher in etwa gab es schlichtweg so gut wie keine Möglichkeit Objekte mit einem klaren z.B. schwul/lesbischen Bezug institutionell aufzubewahren. Die Angst vor Diffamierung oder strafrechtlicher Verfolgung sind nur zwei Aspekte, weshalb es schwierig bzw. fast unmöglich war die eigenen Geschichten zu dokumentieren oder gar zu archivieren. Ein Dokument, Objekt oder dergleichen wäre ja auch immer ein Beweis dafür gewesen, was gesellschaftlich nicht sein durfte, unter Strafe stand und verfolgt oder sogar ausgelöscht, vernichtet werden sollte. Die Möglichkeiten zur Erinnerung waren entsprechend begrenzt.

Was ist sichtbar, was bleibt unsichtbar?

Trotzdem bleibt es ja dennoch Teil der Geschichte und man muss in Bezug auf die Erinnerungskultur in einem Museum fragen, was hier sichtbar ist und was unsichtbar bleibt. Was ausgeklammert wird, und was nicht. Wer mitgedacht wird, und wer nicht.

Für die Nachkriegsjahre und durch die zunehmenden öffentlichen Proteste von schwul- lesbischer Seite kann man auf jeden Fall sagen, dass das sexuell Andere sichtbarer wurde. Im Berlin Museum fand 1984 die Eldorado Ausstellung statt, die sich den homosexuellen Frauen und Männern in Berlin widmete. Ein Jahr später eröffnete das Schwule Museum.
Ein paar Jahre später wiederum, genaugenommen 1996, zog Annette Frick von Köln nach Berlin, deren Werke nun im Foto-Grafischen Kabinett hier im Museum zu sehen sind. Aber auch schon vor ihrem Umzug war sie oft in Berlin und dokumentierte die Berliner Tuntenszene. Annette Frick arbeitet als Fotokünstlerin mit analogen Schwarz-Weiß Bildern und ist den Menschen, die sie porträtiert, sehr nah. Das habe ich auch bei der Auswahl der Fotografien für die Präsentation hier im Museum gemerkt:

Annette war dabei und steht auf der Seite derjenigen, die sie porträtiert. Sie war z.B. bei einer Aktion von ACT UP bei der 43. Berlinale 1991 dabei, als mehrere Tunten gegen das von Marlboro gesponserte Filmfest protestierten und zu einem Boykott von dem Tabakkonzern aufriefen. Der Hintergrund dazu ist, dass die Herstellerfirma damals den US-amerikanischen Republikaner Jesse Helms unterstützte, der als Schwulenhasser bekannt war.

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Foto: Annette Frick

Annette Frick war auch bei der Wahlparty der Polittunte Ovo Maltine dabei, als sie 1998 zur Bundestagswahl als Direktmandat für ihren Wahlkreis Kreuzberg-Schöneberg antrat. Annette Frick kannte und porträtierte den Autor Christian Seyfarth bzw. Napoleon Seyfarth, der Teil der Berliner schwulen Subkultur und Anti-Aids-Aktivist war. Rio Reiser ist unter den Portätierten. Melitta Sundström und BeV StroganoV. Und Juwelia, Tima die Göttliche und Melitta Poppe, die auch heute Abend auftreten werden. Sie alle standen vor Annettes Kamera.

Viele ihrer Porträts entstanden im Berliner Nachtleben, manchmal waren es flüchtige Bekanntschaften, oft aber eben auch bekannte politisch aktive Tunten. Sie kombiniert diese, wie ich finde, sehr lustvollen Porträts mit Architekturmotiven aus dem Berliner Stadtraum. Das sind meist repräsentative Gebäude, die allerdings verhangen sind, sich im Umbau befinden oder wie beim Ahornblatt, das sicherlich einige hier noch kennen, abgerissen wurden.

Freiräume wurden erkämpft, Nischen besetzt

In Kombination der Motive ergibt sich nun eine ganz eigene Lesart. Wenn Sie gleich ins Kabinett gehen können Sie sehen, dass die Tunten jetzt quasi die architektonischen Veränderungen in Berlin mit ihren Gesten kommentieren, und das teilweise sehr ironisch. Und eines wird klar: In Berlin hat sich eine ganz eigene Tuntenkultur entwickelt, die dem Mainstream entgegensteht. Freiräume wurden erkämpft, Nischen besetzt und sehr viele der Akteur*innen waren und sind politisch aktiv.

Deswegen ist es nun quasi ein erster Schritt mit der Präsentation im Foto-Grafischen Kabinett, diese Themen auch hier im Museum sichtbarer zu machen. Das Kabinett im Obergeschoss dient dazu als Vertiefungsebene zur Dauerausstellung die Sammlungsstücke des Museums zu zeigen. 2013 wurden einige Fotografien von Annette Frick vom Museum angekauft, aber bei den Vorbereitungen ist uns dann aber ganz schnell klar geworden: Wir müssen die Präsentation mit Leihgaben von Annette ergänzen, um halbwegs dem Thema gerecht werden zu können.

Und das ist gar nicht so einfach, wenn man einen kleinen Raum zur Verfügung hat, der eigentlich nicht so viel zulässt. Deshalb wollten wir den Raum auch quasi sprengen und so viele Trümmertunten und Individuen zeigen, wie möglich. Wir versuchen damit, ein Vakuum zu schließen, wie es Annette bei den Vorbereitungen zur Präsentation gesagt hat. Wir möchten mit der Präsentation museal an Menschen und Persönlichkeiten erinnern, die vor allen Dingen den Berliner Underground mitgeprägt haben. Die Präsentation der Fotografien soll einen visuellen Eindruck der Komplexität der Berliner Tuntenszene zeigen und wichtige Protagonist*innen der Zeit wieder sichtbar machen.

Dabei haben wir uns dagegen entschieden, viel über die Fotografien selbst auszusagen. Deshalb lade ich Sie dazu ein, ins Gespräch miteinander zu kommen: Mit der Künstlerin und mit unseren Tunten, die heute Abend dabei sind.“