„Weihnachten queer gegen den Strich bürsten“

„Queer(ing) Xmas – Positionen der Zuneigung

Grußwort von Dr. Klaus Lederer, Senator für Kultur und Europa
(Foto: DiG/Trialon)

Weihnachten gilt als Fest der Liebe und der Familie. Welcher Liebe – nur der heterosexuellen? Welcher Familie – auch der Wahlfamilie?
Obwohl Weihnachten historisch zu den am spätesten in den Kirchenkalender aufgenommenen Feiertagen gehört, ist kaum ein anderes Fest im Jahr hierzulande alltagskulturell so wirkmächtig wie das aus der christliche Weihnachtsgeschichte erwachsene Ritual. Und von kaum einem anderen Brauch scheint ein ähnlich großer normierender Druck auszugehen: Nicht nur in der biblischen Schilderung dreht sich alles um Josef, Maria und das Jesuskind, auch in der omnipräsenten popkulturellen Berieselung zwischen Xmas-Songs, Liebeskomödien („Romcoms“) und „Weihnachten bei Hoppenstedts“ wird uns alle Jahre wieder nahegelegt, dass unter dem Mistelzweig nur Heteros einander küssen dürfen und der Heiligabend gefälligst im Kreise der bürgerlichen Kleinfamilie (manchmal erweitert um bedauernswerte alleinstehende Verwandte, die sonst „niemanden haben“) zu verbringen ist.

e2h Berlin

Wie gehen LSBTTIQ* – von regelmäßigen Kirchgänger*innen über Angehörige nichtchristlicher Glaubensrichtungen bis hin zu Atheist*innen – mit dieser geballten Ladung Heteronormativität um? Welche Strategien haben sie entwickelt, um Weihnachten zu queeren – oder ihm aus dem Weg zu gehen? Verbringen sie ein schillernd-kitschiges Fest mit der Regenbogenfamilie? Zelebrieren sie mit Freund*innen aus der Community ein Käsefondue? Fahren sie einmal im Jahr zurück in das Dorf, aus dessen konformistischer Enge sie einst entflohen sind? Müssen sie mit dem homophoben Onkel selig um den Christbaum sitzen und hoffen, dass auch nach dem xten Glühwein niemandem „die Hand ausrutscht“? Oder feiern sie einträchtig mit Lebenspartner*innen und akzeptierender Verwandtschaft?

Höchste Zeit, dass das Queere Kulturhaus (E2H) das Weihnachtsfest und alles, was wir darüber zu wissen glauben, einmal gegen den Strich bürstet!

e2h Berlin
(c) *durbahn

Es wäre allerdings falsch, zu behaupten, die Ausstellung zeige uns eine völlig andere, bisher unentdeckte Seite der Weihnacht. Sie zeigt uns Weihnachten einfach von all jenen Seiten, die LSBTTIQ* erleben, die von der Mehrheitsgesellschaft aber gerne ausgeblendet werden.
Das Ausstellungsprojekt macht damit im Kleinen, auf dieses spezifische Thema bezogen, vor, was das Queere Kulturhaus einmal leisten wird: Die Sichtbarkeit der Vielfalt sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten erhöhen und den produktiven Streit darüber, wie wir zusammen leben wollen, befördern.

Der „Queering Xmas“-Ausstellung wünsche ich zahlreiche Besucher*innen, die Freude daran haben, queere Weihnachts- und Anti-Weihnachts-Traditionen kennenzulernen und zu zelebrieren.

Mehr Lametta war noch nie!

(zur Facebook-Veranstaltung „Queer(ing) Xmas“)

Roundtable von E2H und DHM

Anfang November hat das Queere Kulturhaus in einem gemeinsamen Roundtable mit und im Deutschen Historischen Museum Perspektiven zur queeren Museumsarbeit und queeren Perspektiven im Museum ausgeleuchtet: Wie könnte man sich einem queeren Blick auf bestehende Sammlungen öffnen und welche Herausforderungen ergeben sich dadurch? Welche queeren Möglichkeiten der Ausstellung von Objekten könnte es geben, welche Objekte sind überhaupt queer und wie kann man sie sinnvoll verschlagworten? Diesen und weiteren Fragestellungen queerer musealer und archivalischer Praktiken gingen die Vertreter*innen in dem Gespräch nach, an dem auch Sarah Bornhorst als Vertreterin der Initative Berliner Museen Queeren teilnahm.

Kontinuierliche Austausch geplant

Wichtigstes Ergebnis: Wenn die Bauarbeiten am Zeughaus des Deutschen Historischen Museums abgeschlossen sind, soll eine neue Dauerausstellung zur deutschen Geschichte im europäischen Kontext konzipiert werden – dazu soll es einen Austausch mit dem Queeren Kulturhaus geben, auf dessen Expertise man zurückgreifen will. Erklärtermaßen ist das Museum sehr an Außenperspektiven und an einem kontinuierlichen Austausch mit dem E2H interessiert, das unter seinem Dach Partner*innen wie die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, das Spinnboden-Archiv oder das LAZ reloaded zusammenbringt und an der Schaffung neuer Archiver arbeitet, zum einen über queere People of Color und queere Gastarbeiter*innen zum anderen.

Während das DHM im Jahr 2015 gemeinsam mit dem Schwulen Museum in der Sonderschau „Homosexualität_en“ auf insgesamt 1.600 Quadratmetern 150 Jahre Geschichte, Politik und Kultur homosexueller Frauen und Männer in Deutschland zeigte (die von E2H-Vorständin Christiane Härdel mit-organisiert wurde), kommt es immer noch vor, dass in Berliner Museen oder Galerien die Homosexualität von Künstler*innen unter den Teppich gekehrt wird Zuletzt wurde etwa in der Lotte-Laserstein-Galerie in der Berlinischen Galerie „Von Angesicht zu Angesicht“ die lesbische Sexualität der Künstlerin komplett negiert, obwohl die Bilder Lasersteins eine sehr deutliche Sprache sprechen.

Daneben gibt es einige Beispiele für queere Persönlichkeiten, die für etwas anderes in der Öffentlichkeit stehen – etwa Literaturnobelpreisträger Thomas Mann und seine Familie, aber auch der Generalstaatsanwalt und „Nazi-Jäger“ Fritz Bauer. Bauer war so etwas wie der erste schwule Held der Nachkriegszeit, wie E2H-Vorstand und Roundtable-Teilnehmer Jan Feddersen betonte – doch zeigen und zeigten sich Freunde Bauers wie auch Historiker*innen empört, wenn die Homosexualität des Mannes thematisiert wurde als sei diese etwas Ehrenrühriges.

Was unbequem ist, wird versucht, unsichtbar zu machen

Offenbar ist es in Museen immer nötig, dass der Anstoß, auch queere Aspekte in Ausstellungen zu berücksichtigen, entweder von außen kommt, oder dass dies intern von homosexuellen Mitarbeiter*innen angeregt wird. Ansonsten gilt: „Was unbequem ist, wird versucht, unsichtbar zu machen“, erklärte Roundtable-Moderator Jens Kraushaar, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Berlin Ausstellung im Humboldt-Forum. In seiner Zeit als Volontär des Berliner Stadtmuseums zeichnete er gemeinsam mit Polittunte Patsy l’Amour laLove für die E2H-Veranstaltung „Tunten trümmern durchs Märkische Museum“ verantwortlich.

Gemeinsam wollen das Queere Kulturhaus E2H und das DHM nun Synergien schaffen und nutzen. Im Frühjahr 2020 sollen die Gespräche fortgeführt werden.

Queer(ing) Xmas – Positionen der Zuneigung (Events)

Queer(ing) Xmas – Positionen der Zuneigung

Eine Kooperation des Sonntags-Club mit dem Queeren Kulturhaus E2H

Unsere Veranstaltungen: 

Jeweils eine halbe Stunde vor Beginn jeder Veranstaltung bieten wir eine Kurzführung durch unser Ausstellungsprojekt an.

Sonntag 1. Dezember

(c) Luisa Landsberg

ab 16 Uhr: Vernissage Queering Xmas – Positionen der Zuneigung

Mittwoch 4. Dezember

(c) Promo

16 – 18 Uhr: Salonkonzert Sternenstaub: Gospel & Blues mit Daniel Dodd-Ellis and friends und gelesene Sternenstaubpoesie

Donnerstag 5. Dezember

(c) privat

16 – 18 Uhr: Performance & Lesung: Traude Bührmann zum 50-jährigen Erscheinen der „Guérillères“ von Monique Wittig.

Dienstag 10. Dezember

e2h Berlin
(c) Didine van der Platenvlotbrug/Evran Öztürk

16 – 18 Uhr: Trans- und Tunten-Generationensalon mit Patsy l’Amour laLove. Gäste: Daria Majewski und Gaby Tupper

Mittwoch 11. Dezember

(c) Rinaldo Hopf

16 – 18 Uhr: Lesung: Rinaldo Hopf & Alexander von Agoston („Mein schwules Auge“ 1989 -2019 und andere (be-)sinnliche Texte)

Sonntag 15. Dezember                         

(c) Jörn Hartmann/privat     

ab 16 Uhr: Come together! – die E2H-Weihnachtsfeier mit Live-Musik von Sigrid Grajek und Dame Leyla sowie dem Julklapp. Bitte ein kleines, gut verpacktes Geschenk mitbringen!

Donnerstag 19. Dezember

(c) privat

16 – 18 Uhr: Christmas-Blues-Konzert mit Cornelia Geiger // Wir zeigen Filmszenen aus „Lesbiana“ (Kanada, 2012)

Wer wer sind (Audio)

Sehr geehrte Radiojournalist*innen,

hier finden Sie Pressematerial, wenn Sie über das Queere Kulturhaus E2H berichten möchten.

Alle wichtigen Fragen zum E2H beantworten unsere Vorständ*innen Jan Feddersen (JF) und Christiane Härdel (CH)

Wer war Johanna Elberskirchen? (CH)

wav-Datei zum Download

Wer war Magnus Hirschfeld? (JF)

Was macht das E2H so besonders? (JF)

Was wird es alles im E2H geben? (CH)

Wer wird in das fertige E2H einziehen? (CH)

Gibt es sowas wie das E2H eigentlich schon irgendwo? (JF)

Warum gibt es sowas wie das E2H nicht schon längst in Berlin? (JF)

Die Nazis setzten der frühen homosexuellen Emanzipationsbewegung ein Ende. Wie ging es nach dem Zweiten Weltkrieg weiter? (CH)

Wird das E2H von der Politik unterstützt? (JF)

Was wird der Einzug in das alte taz-Haus kosten? (CH)

Was macht das E2H bis zur Eröffnung? (JF)

Queer(ing) Xmas – Positionen der Zuneigung

Queer(ing) Xmas – Positionen der Zuneigung

(for English: please scroll down!)

Weihnachten ist das Fest der Liebe, und vor Santa Claus sind wir alle gleich: Liebe ist Liebe. Aber was bedeutet das Familienfest schlechthin für das queere We are family? Feiert die LGBTIQ-Community genauso wie die heterosexuelle Kernfamilie? Wer ist Mitglied in unserer Wahlfamilie und welche eigenen Traditionen zelebrieren wir?

Wir wollen mit Eurer Hilfe die Fülle und Vielfalt gewählter gelebter Verbindungen sichtbar machen. Schickt uns Fotos eurer Wahlfamilien, der Menschen und sonstigen Lebewesen mit denen ihr (Be) Sinnliches, Trauriges, Kämpferisches und Freude teilt. Menschen, mit denen Ihr Euren Alltag verbringt, gerne feiert, denen Ihr vertraut und mit denen Ihr in der Gegenwart in großen und kleinen Schritten an einer gemeinsamen Zukunft bastelt.

e2h Berlin
Weihnachten 1917 in Magnus Hirschfelds Wohnung: Es zeigt Hausangestellte und deren Kinder (für sie hat Hirschfeld diese Feier veranstaltet). Darunter die Großmutter der kleinen Erika Kwasnik, aus deren Fundus das Bild stammt (Foto: Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft)
e2h Berlin
Queere (Wahl)Familie im Jahr 2019 (Foto: iStock)

Eure Fotos der Verwandten/Zugehörigen/Liebsten Eurer Wahl werden Teil eines kuratierten Ausstellungprojekts des Queeren Kulturhauses, Berlin vom 1. Dezember 2019 bis 6. Januar 2020 in den Räumen des Sonntags-clubs, Berlin sein. Die Fotos werden in einer künstlerischen Installation (im maximalen Format 14×20 cm mit einem entsprechend schmückendem Rahmen) gezeigt.

Bitte schickt eure Fotos in den üblichen Formaten (jpg, tiff oder png) möglichst hochauflösend direkt an: xmas@queereskulturhaus.de
oder per Post an:
Freund*innen des Elberskirchen-Hirschfeld-Hauses/
Queeres Kulturhaus e.V.
c/o betahaus
Stichwort: Queer(ing) X-mas
Rudi-Dutschke-Str. 23
10969 Berlin

Alle Fotos müssen mit einem vollständigen Namen und Eurer Email-adresse sowie Telefonnummer gekennzeichnet sein. Wir werden euch dann zu über die Veröffentlichungsrechte und zur Datenschutzeinhaltung informieren.

Einsendeschluss: 15. November 2019. Bitte habt Verständnis, dass wir nach diesem Datum keine Fotos nicht berücksichtigen können. Das gilt auch für Bilder, die wir ohne Kontaktdaten erhalten. Vielen Dank!

Wir sind gespannt und freuen uns auf Eure Fotos!
Euer Queeres Kulturhaus

………………………………………….

ENGLISH VERSION

Queer-ing Xmas – Positions of affection

Christmas is the feast of love, and before Santa Claus we are all the same: love is love. But what does the family festival par excellence mean for the queer We are family? Does the LGBTIQ community celebrate just like the heterosexual nuclear family? Who is a member of our chosen family and what traditions do we celebrate?

Therefore, we want to make visible the abundance and diversity of chosen lived connections. With your help! Please send us photos of your chosen families, people and other living beings with whom you share sensuality, sadness, fighting and joy.

With those you spend your everyday life, celebrate with pleasure, trust them and with those you trust in the present in big and small steps at a
and a common future.

Your photos of the relatives/affiliates/lovers of your choice will be part of a curated exhibition project of the Queeren Kulturhaus, Berlin from 1 Dec 19 to 6 Jan 20 in the rooms of the Sonntags-Club, Berlin.

The photos will be shown in an artistic installation in a maximum format of 14×20 cm with a correspondingly decorative frame.

Please send your photos in the usual formats (jpg, tiff or png) preferably in high resolution directly to us: xmas@queereskulturhaus.de

or by post:

Freund*innen des Elberskirchen-Hirschfeld-Hauses/
Queeres Kulturhaus e.V.
c/o betahaus
Stichwort: Queer(ing) X-mas
Rudi-Dutschke-Str. 23
10969 Berlin

All photos must be marked with a full name, the corresponding email address and/or phone number. We will then contact you about the publication rights and privacy policy.

The closing date for entries is november 15 th 2019, so please understand that we will not be able to consider photos submitted after this date and without contact details.

We are looking forward to your photos!
Yours queerly,
Das Queere Kulturhaus E2H

(Titelbild: iStock)

LGBTIQ-Repräsentation im Museum

LGBTIQ-Repräsentation im Museum
Ein Input von Jens Kraushaar anlässlich von Tunten trümmern im Märkischen Museum

„Ich heiße Jens Kraushaar und ich bin wissenschaftlicher Volontär am Stadtmuseum Berlin. In vier Tagen endet meine zweijährige Ausbildung hier am Haus und ich hätte zu Beginn meines Volontariats vor 2 Jahren nicht gedacht, dass ich mal eine Tuntenshow hier im Stammhaus vom Stadtmuseum Berlin organisieren würde.

e2h Berlin
Jens Kraushaar (Foto: e2h)

Warum hier? Warum eine Tuntenshow im Museum abhalten?
Hier in den Ausstellungen vom Märkischen Museum wird Berliner Geschichte verhandelt. In der Dauerausstellung BerlinZEIT finden sich aber zum Beispiel leider keine historischen Bezüge zur Berliner Schwulen- und Lesbenbewegung , obwohl Berlin als Austragungsort im Kampf um emanzipatorische Bestrebungen zentral war: um nur beispielhaft hier einige zu nennen: das Magnus Hirschfeld Institut für Sexualwissenschaft, was 1919 eröffnete und mit der Plünderung 1933 im Zuge der Bücherverbrennungen von den Nationalsozialisten vernichtet wurde.
Oder später in den 70 er Jahren organisierte sich hier in Berlin die erste Schwulenbewegung als „Homosexuelle Aktion Westberlin“, die sich u.a. für die Streichung des Paragraphen 175 einsetzte. Und hier in Berlin wurde natürlich der Berliner Tuntenstreit ausgetragen, wovon wir gleich noch hören werden.

Es geht um Repräsentation

Also alles sehr wichtige Geschehnisse, Ereignisse und Diskurse, die in Berlin stattgefunden haben und da merkt man: Es geht natürlich um Repräsentation – damit will ich sagen: Wenn Berlin heute als Regenbogenhauptstadt gilt und eine der größten LGBTIQ-Communitys in Europa vorzuweisen hat, dann fragt man sich schon (oder ich als Volontär, der vor 2 Jahren neu an dieses Haus gekommen ist) warum das und natürlich andere Themen, die Berlin bewegen, hier nicht oder nur marginalisiert in den Ausstellungen auftauchen, obwohl das Stadtmuseum Berlin mit seinen Inhalten die Stadt und die Stadtgeschichte mit dessen Akteur*innen repräsentieren soll.

Und daran knüpft sich natürlich ganz schnell die Frage, wer Geschichte macht, wer das Wissen über bestimmte Themen weiterträgt und wie Erinnerungskultur, Archivierung und das Sammeln von Objekten zu bestimmten Themenkomplexen im musealen Kontext eigentlich von statten geht.

Ich habe mir während meiner Zeit hier am Museum oft die Fragen gestellt, wie wir denn von der Geschichte lernen sollen, wenn wir die Geschichten (oder besser: unsere Geschichten) gar nicht kennen? Wenn sie schlichtweg nicht erzählt werden?

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Paul Spies, seit 2016 Museumsdirektor der Stiftung Stadtmuseum Berlin (Foto: Michael Stehle)

Gerade wenn es um die Tradierung, um das Festschreiben von Wissen geht, lassen sich dabei ganz spezifische Probleme benennen, die für die Geschichtsschreibung von LGBTIQ-Biografien, Geschichten oder Objekten im Museum von Bedeutung sind: Früher in etwa gab es schlichtweg so gut wie keine Möglichkeit Objekte mit einem klaren z.B. schwul/lesbischen Bezug institutionell aufzubewahren. Die Angst vor Diffamierung oder strafrechtlicher Verfolgung sind nur zwei Aspekte, weshalb es schwierig bzw. fast unmöglich war die eigenen Geschichten zu dokumentieren oder gar zu archivieren. Ein Dokument, Objekt oder dergleichen wäre ja auch immer ein Beweis dafür gewesen, was gesellschaftlich nicht sein durfte, unter Strafe stand und verfolgt oder sogar ausgelöscht, vernichtet werden sollte. Die Möglichkeiten zur Erinnerung waren entsprechend begrenzt.

Was ist sichtbar, was bleibt unsichtbar?

Trotzdem bleibt es ja dennoch Teil der Geschichte und man muss in Bezug auf die Erinnerungskultur in einem Museum fragen, was hier sichtbar ist und was unsichtbar bleibt. Was ausgeklammert wird, und was nicht. Wer mitgedacht wird, und wer nicht.

Für die Nachkriegsjahre und durch die zunehmenden öffentlichen Proteste von schwul- lesbischer Seite kann man auf jeden Fall sagen, dass das sexuell Andere sichtbarer wurde. Im Berlin Museum fand 1984 die Eldorado Ausstellung statt, die sich den homosexuellen Frauen und Männern in Berlin widmete. Ein Jahr später eröffnete das Schwule Museum.
Ein paar Jahre später wiederum, genaugenommen 1996, zog Annette Frick von Köln nach Berlin, deren Werke nun im Foto-Grafischen Kabinett hier im Museum zu sehen sind. Aber auch schon vor ihrem Umzug war sie oft in Berlin und dokumentierte die Berliner Tuntenszene. Annette Frick arbeitet als Fotokünstlerin mit analogen Schwarz-Weiß Bildern und ist den Menschen, die sie porträtiert, sehr nah. Das habe ich auch bei der Auswahl der Fotografien für die Präsentation hier im Museum gemerkt:

Annette war dabei und steht auf der Seite derjenigen, die sie porträtiert. Sie war z.B. bei einer Aktion von ACT UP bei der 43. Berlinale 1991 dabei, als mehrere Tunten gegen das von Marlboro gesponserte Filmfest protestierten und zu einem Boykott von dem Tabakkonzern aufriefen. Der Hintergrund dazu ist, dass die Herstellerfirma damals den US-amerikanischen Republikaner Jesse Helms unterstützte, der als Schwulenhasser bekannt war.

e2h Berlin
Foto: Annette Frick

Annette Frick war auch bei der Wahlparty der Polittunte Ovo Maltine dabei, als sie 1998 zur Bundestagswahl als Direktmandat für ihren Wahlkreis Kreuzberg-Schöneberg antrat. Annette Frick kannte und porträtierte den Autor Christian Seyfarth bzw. Napoleon Seyfarth, der Teil der Berliner schwulen Subkultur und Anti-Aids-Aktivist war. Rio Reiser ist unter den Portätierten. Melitta Sundström und BeV StroganoV. Und Juwelia, Tima die Göttliche und Melitta Poppe, die auch heute Abend auftreten werden. Sie alle standen vor Annettes Kamera.

Viele ihrer Porträts entstanden im Berliner Nachtleben, manchmal waren es flüchtige Bekanntschaften, oft aber eben auch bekannte politisch aktive Tunten. Sie kombiniert diese, wie ich finde, sehr lustvollen Porträts mit Architekturmotiven aus dem Berliner Stadtraum. Das sind meist repräsentative Gebäude, die allerdings verhangen sind, sich im Umbau befinden oder wie beim Ahornblatt, das sicherlich einige hier noch kennen, abgerissen wurden.

Freiräume wurden erkämpft, Nischen besetzt

In Kombination der Motive ergibt sich nun eine ganz eigene Lesart. Wenn Sie gleich ins Kabinett gehen können Sie sehen, dass die Tunten jetzt quasi die architektonischen Veränderungen in Berlin mit ihren Gesten kommentieren, und das teilweise sehr ironisch. Und eines wird klar: In Berlin hat sich eine ganz eigene Tuntenkultur entwickelt, die dem Mainstream entgegensteht. Freiräume wurden erkämpft, Nischen besetzt und sehr viele der Akteur*innen waren und sind politisch aktiv.

Deswegen ist es nun quasi ein erster Schritt mit der Präsentation im Foto-Grafischen Kabinett, diese Themen auch hier im Museum sichtbarer zu machen. Das Kabinett im Obergeschoss dient dazu als Vertiefungsebene zur Dauerausstellung die Sammlungsstücke des Museums zu zeigen. 2013 wurden einige Fotografien von Annette Frick vom Museum angekauft, aber bei den Vorbereitungen ist uns dann aber ganz schnell klar geworden: Wir müssen die Präsentation mit Leihgaben von Annette ergänzen, um halbwegs dem Thema gerecht werden zu können.

Und das ist gar nicht so einfach, wenn man einen kleinen Raum zur Verfügung hat, der eigentlich nicht so viel zulässt. Deshalb wollten wir den Raum auch quasi sprengen und so viele Trümmertunten und Individuen zeigen, wie möglich. Wir versuchen damit, ein Vakuum zu schließen, wie es Annette bei den Vorbereitungen zur Präsentation gesagt hat. Wir möchten mit der Präsentation museal an Menschen und Persönlichkeiten erinnern, die vor allen Dingen den Berliner Underground mitgeprägt haben. Die Präsentation der Fotografien soll einen visuellen Eindruck der Komplexität der Berliner Tuntenszene zeigen und wichtige Protagonist*innen der Zeit wieder sichtbar machen.

Dabei haben wir uns dagegen entschieden, viel über die Fotografien selbst auszusagen. Deshalb lade ich Sie dazu ein, ins Gespräch miteinander zu kommen: Mit der Künstlerin und mit unseren Tunten, die heute Abend dabei sind.“

Tunten trümmern im Märkischen Museum

„Tunten trümmern im Märkischen Museum“
Eine Liebeserklärung an die Tunte

(Titelbild: Hilde Muffel)

Rund 500 Gäste waren am Donnerstagabend ins Stadtmuseum Berlin gekommen, um trümmernde Berliner Polittunten zu erleben – eine Veranstaltung des Queeren Kulturhauses E2H in Kooperation mit dem Märkischen Museum, kuratiert von Jens Kraushaar und Patsy l’Amour laLove. Im bestens besuchten Museum herrschte von Beginn an prächtige Stimmung.

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Transophonix sorgten im Märkischen Museum für Musik und gute Laune (Foto: E2H)

Der niederländische Kunsthistoriker Paul Spies, seit 2016 Museumsdirektor der Stiftung Stadtmuseum Berlin, eröffnete den Abend und hieß das queere Berlin ausdrücklich willkommen. “Das Haus ist für alle und soll auch von allen genutzt werden“, so Spies. „Das ist Euer Haus, Ihr seid hier willkommen. Das Stadtmuseum ist ein Ort, an dem immer alles möglich war und auch weiter sein soll.“

Als Initiator dieses Abends begrüßte Jens Kraushaar die Gäste, der gerade erfolgreich sein wissenschaftliches Volontariat beim Stadtmuseum abschließt. „Dass ich mal eine Tuntenshow hier organisieren würde, hätte ich mir beim Beginn meiner Ausbildung nicht gedacht“, sagte Kraushaar und erinnerte in seiner Rede an die Gründung des Hirschfeld-Instituts vor 100 Jahren sowie an die Gründung der Homosexuellen Aktion West-Berlin (HAW) und wies daraufhin, dass queere Themen bislang in Berliner Museen eher marginalisiert wurden.

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Jens Kraushaar (Foto: e2h)

Umso wichtiger dieser Abend, der die Tunte hochleben ließ. „Was die westdeutschen Schwulenaktivisten herrlich beherrschten, war die Demonstration des Andersseins“, so Patsy l’Amour laLove. „Mit den unausstehlich schönen Tuntenaktionen in der Öffentlichkeit strich man das integrationistische Credo viele Homosexueller So schlimm sind wir doch gar nicht und rief aus: Wir sind noch viel schlimmer!

Hello Gay Sisters!

Bernd Gaiser (Tuntenname: Daisy) erinnerte in seinem Redebeitrag daran, dass sich Tunten in den 70er Jahren den Vorwurf gefallen lassen mussten, ob ihres schrillen Auftretens zur Verfälschung des Bild des schwulen Mannes als solchem beizutragen. Entspannter dagegen die Reaktionen der schwarzen Anhänger der Black-Panther-Bewegung bei gemeinschaftlichen Aktionen in Berlins Straßen. „Sie begegneten uns mit geballter Faust und dem Gruß: Hello Gay Sisters! Als Balsam für unsere Seele“, so Gaiser.

Gaiser berichtete davon, die Plenen der HAW in den 1970er Jahren oft nur strickend überstanden zu haben. Im Sommer 1974 etwa scheiterte die Tuntenfraktion in der HAW mit dem Vorschlag zur Einführung des Rosa Winkel, getragen wurde er schließlich aber dennoch „gemeinsam mit all denen, die nicht durch letzte Relikte und Zuckungen schwulen Selbsthasses darin beeinträchtigt waren, oder die ideologische Verblendung derjenigen, die damals die Theorie vertraten, es in der Unterdrückung der Homosexualität mit einem Nebenwiderspruch im Klassenkampf zu tun zu haben“.

Im Rahmen einer weiteren gemeinschaftlichen Aktion habe die Tuntenfraktion in der HAW schließlich dazu beigetragen, diese 1977 zu begraben, um den Weg zur Gründung des Berliner SchwuZ freizumachen.

Tunten lassen sich nicht spalten.

Ohne die Unterstützung der Tunten in der HAW hätten sich er und sein Freund und Weggefährte Andreas Pareik als Initiatoren des ersten Berliner CSD 1979 wohl kaum derart weit vorgewagt, so Gaiser. Ohne damals zu ahnen, damit eine Tradition zu begründen, aber in der Absicht, die Berliner Community zehn Jahre nach Stonewall gemeinsam auf die Straße zu kriegen, wenn nicht schon unter einen Hut. Feststehe aber damals wie heute: „Tunten lassen sich nicht spalten.“

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Foto: Holger Radtke

Aus lesbischer Sicht sprach die Queere Aktivistin und Event Producerin Angela Schmerfeld. Was denken Lesben über Tunten?  Schmerfeld brachte diverse O-Töne mit. „Ne Menge Schminke im Gesicht, bunt und schrill und irre hohe Schuhe. Also Schuhe, in denen ich mir die Beine brechen würde – und zwar alle beide“, sagt eine. „Tunten sind riesig groß, sehr aufgedonnert, sehr extrovertiert und möchten immer im Mittelpunkt stehen. Wobei, das liegt wahrscheinlich daran, dass ich nur welche kenne, die auftreten“, erklärte eine andere. Und: „Sie spielen stärker mit Klischees, als sie auf Durchschnittsfrauen heutzutage tatsächlich zutreffen. Also eigentlich mit veralteten Klischees, aufgedonnert, extrem geschminkt, kurzer Rock und so.“

Was Lesben und Tunten gemeinsam haben? Schmerfeld dazu: „Wahrscheinlich, dass beide irgendwann diskriminiert werden, weil sie irgendwie weiblich sind.“

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Angela Schmerfeld (Foto: Michael Stehle)

Es gehe Tunten nicht einfach nur um Klamotten und Verhaltensweisen. Viel wichtiger sei, was dahinter steht: „Das Infragestellen von Stereotypen der Männlichkeit und Weiblichkeit,  von Verhaltensnormen für die immer noch dualistisch gedachten Geschlechter, das Infragestellen der Rollen, die diesen Geschlechtern zugedacht sind und überhaupt: das Infragestellen dieses ganzen Rollen-Dualismus an sich und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Ausgrenzungen und Machterhaltungsmechanismen.“

Das ist total feministisch und total geil, und deswegen liebe ich Tunten!

Schmerfelds Fazit: „Tunten eignen sich diese ganzen schrägen Signale der Weiblichkeit an, kombinieren die Netzstrümpfe und falschen Wimpern mit Bartwuchs und schwuler Körperlichkeit, mischen das Ganze mit einem satten Schuss Schamlosigkeit und Sinnenfreude, stöckeln mit ihren Riesenlatschen gazellenartig auf meterhohen Absätzen und lassen als männliche Tussis so dermaßen die Sau raus, dass sämtliche Stereotype über männlich und weiblich als nackter Blödsinn entlarvt werden. Das ist total feministisch und total geil, und deswegen liebe ich Tunten!“

Das ging auch den begeisterten Zuschauer*innen nicht anders – sie verliebten sich spätestens bei der abschließenden Tuntenshow mit HP Loveshaft, Betty BücKse, Luxuria Rosenburg, Tima der Göttlichen und Patsy l’Amour laLove.

Würdigung für Holbeins Engagement für Emanzipation der Homosexuellen

Hans-Holbein-Initiative fordert finanzielle Unterstützung vom Land Thüringen

Am Vortag des 90. Todestag von Dr. Hans Holbein lud die Initiative „Holbein-Stiftung“ zu einer Gedenkfeier in das Haus der Weimarer Republik ein. Dieter Lauinger (Grüne), Justizminister des Freistaates Thüringen, hielt die Festrede, sowohl Dr. Alexander Zinn (Initiative Holbein-Stiftung) wie auch Ralf Dose (Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft) hielten Vorträge.

Ein über die Grenzen von Apolda und Weimar hinaus gesuchter Anwalt

Viele Details aus dem Leben Holbeins seien noch unbekannt und blieben zu recherchieren, so Dose. Das gelte insbesondere für seine berufliche Tätigkeit als Anwalt. „Klar ist aber, dass er regelmäßig auch homosexuelle Männer verteidigte, wenn diese mit dem 1871 geschaffenen Strafrechtsparagrafen 175 in Konflikt gerieten, der die sogenannte ‚widernatürlich Unzucht‘ zwischen Männer mit Gefängnis bedrohte. Schon bald avancierte Holbein deswegen zu einem ‚über die Grenzen von Apolda und Weimar hinaus gesuchten Anwalt‘.“

Schon früh, so Dose, muss Holbein mit dem 1897 gegründeten Wissenschaftlich-humanitären Komitee von Magnus Hirschfeld in Kontakt gewesen sein: Er erwähnt Hirschfeld und das WHK in seiner 1905 erschienenen genealogischen Schrift Die Holbeiner. Spätestens ab 1907 sei er auch Mitglied im Obmännerkollegium des WhK – wurde dort aber immer unter dem Pseudonym „Sassen“ geführt.

„Holbeins Engagement für die Emanzipation der Homosexuellen bewegte sich ganz im Sinne des Hirschfeldschen Mottos ‚Per scientiam ad justitiam – Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit‘, und er wollte seinen Beitrag dazu durch die großzügige Förderung der Wissenschaft leisten“, so Ralf Dose.

Wir sehen das Land Thüringen in der Pflicht

Für die Errichtung eines Forschungsinstituts zu Homosexualität fordert die Initiative Holbein-Stiftung Geld vom Land. „Wir sehen das Land Thüringen in der Pflicht, für eine adäquate finanzielle Ausstattung eines Forschungsinstituts Sorge zu tragen“, sagte der Historiker Alexander Zinn vor der Gedenkfeier zur dpa.

Eine Gruppe von Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft verlangt die Rehabilitierung Holbeins. Die Initiative unter Schirmherrschaft der früheren Thüringer Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) fordert die Wiederherstellung des von den Nationalsozialisten zerstörten Grabsteins von Holbein in Weimar, die Neugründung einer Holbein-Stiftung und eines Forschungszentrums. Zinn appellierte an die Stadt, sich für die Wiedererrichtung des Grabsteins auf dem Weimarer Friedhof einzusetzen.

Gedenkfeier zum 90. Todestag von Dr. Hans Holbein

Kämpfer für Freiheit des Dritten Geschlechts

Am Freitagabend findet in Weimar eine Gedenkfeier mit Justizminister Dieter Lauinger zum 90. Todestag von Dr. Hans Holbein statt

Am 14. September jährt sich der Todestag des thüringer Rechtsanwaltes Dr. Hans Holbein zum 90. Mal. Aus diesem Anlass laden die Initiative Holbein-Stiftung, der Verein QueerWeg und das Haus der Weimarer Republik zu einer Gedenkfeier am Vorabend des Todestages. Hauptredner ist der Justizminister des Freistaates Thüringen Dieter Lauinger (Grüne). Ralf Dose von der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft hält einen Vortrag über Leben und Wirken von Dr. Hans Holbein (1864-1929).

e2h Berlin
mögl. Erscheinungsbild des
Grabsteins Holbeins auf dem Weimarer Friedhof
(Fotomontage: A. Zinn/Holbein-Stiftung)

Holbein war ein Mitstreiter des Sexualreformers Magnus Hirschfeld und setzte sich zeit seines Lebens für die Abschaffung des § 175 ein, mit dem homosexuelle Männer verfolgt wurden. 1919 gründete er die „Holbein-Stiftung“ an der Universität Jena. Überdies machte er die Uni zur Alleinerbin. Mit dem Erbe sollte sie einen Lehrstuhl zur Erforschung der Homosexualität einrichten. Doch die Uni schlug das Erbe aus, weil, so die Begründung, die Universität ansonsten „zu einem Sammelpunkt unerwünschter Elemente würde“.

Nach seinem Tod am 14. September 1929 wurde Holbein auf dem Weimarer Friedhof bestattet. Auf seinem Grabstein wurde die von ihm gewünschte Inschrift angebracht: „Hier ruht in Gott Dr. Hans Holbein, Anwalt des Rechts, Kämpfer für Freiheit des 3. Geschlechts“. Nach der NS-Machtübernahme wurde der Grabstein dann zerstört, die Inschrift wurde „ausgemeißelt“.

Anlässlich des 100. Jahrestages der Holbein-Stiftung haben inzwischen mehr als hundert Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft die Rehabilitierung von Dr. Hans Holbein, die Wiederherstellung seines Grabsteins und die Verwirklichung seines Vermächtnisses gefordert. Die Initiative steht unter der Schirmherrschaft der Ministerpräsidentin a. D. des Freistaates Thüringen Christine Lieberknecht (CDU). Weitere Informationen unter holbein-stiftung.de

Queer Lecture: Aus eines Mannes Mädchenjahren

„Aus eines Mannes Mädchenjahren“ (am 9. September 2019)

Eine Queer Lecture in Kooperation mit dem Queeren Kulturhaus, der Initiative Queer Nations und der taz.

Die Medizinhistorikerin Marion Hulverscheidt war am Montag zu einer  Queer Lecture in die taz-Kantine gekommen. Sie hat am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin ihre medizinhistorische Dissertation über weibliche Genitalverstümmelung im deutschsprachigen Raum im 19. Jahrhundert verfasst.

In ihrer Lecture ging es um den Autor des autobiographischen Romans „Aus eines Mannes Mädchenjahren“, der unter dem Pseudonym N. O. Body erschien. Dahinter verbirgt sich Karl M. Baer (geboren am 20. Mai 1885 in Arolsen als Martha Baer; gestorben am 26. Juni 1956 in Israel). Hulverscheidt konstruierte – soweit möglich – auf Grund des Romans und einer kärglichen Quellenlage das Leben und die Transition Baers.

e2h Berlin
Medizinhistorikerin Marion Hulverscheidt (re) im Gespräch mit E2H-Vorstand Christiane Härdel (Foto: E2H)

Die Mutter fand, dass sich das Kind knabenhaft entwickelte. Im Buch, dessen Neuauflage im kommenden Jahr erscheint, heißt es, das Kind habe am liebsten Indianer gespielt und wurde – mangels Talent – vom Handarbeitsunterricht befreit. In der Pubertät blieb die Menstruation aus. Nie hatte ihr Bett Blutflecken. Darum wechselte sie später alle sechs Wochen die Wäscherin, damit es niemand bemerkte.

Als junge Frau wurde Baer ins polnische Galizien geschickt. Sie hielt dort Vorträge, gründete Frauenvereine. Man bewunderte ihre Redegabe. Was man merkwürdig an ihr fand, war ihre tiefe Stimme.

Hulverscheidt spricht von einem Stellvertreter-Aktionismus -für das, was sie war oder empfand, hatte sie damals keinen Begriff.  Baer setzte sich also gegen Frauenhandel in Galizien ein und forderte mehr Mitarbeit der Frauen in der zionistischen Bewegung.

Ab Herbst 1906 war sie bei Magnus Hirschfeld in Berlin gemeldet, der ein Gutachten erstellte, fünf Seiten auf der Maschine geschrieben. Darin hieß es u. a., der Gang sei männlich, es sei beim Gehen „kein Schwingen von Hüften und Schultern“ zu beobachten. Auch bestehe kein „weiblicher Ordnungssinn“.

Martha war verliebt in Beile Halpern, eine Frau. Wurde von Selbstmordgedanken geplagt, weil sie den Menschen, den sie liebte, nicht haben konnte.

Am 8. Januar 1907 wurde dem Antrag auf Korrektur stattgegeben, das Standesamt Arolsen korrigierte den Geburtseintrag. Baer lebte fortan als Mann und heiratete Halpern. Umbenennen wollte er sich in Magnus Theodor Carl Baer, erlaubt war aber nur ein Vorname. Im Verfahren von 1907 auf amtliche Feststellung der männlichen Geschlechtlichkeit trat als Gutachter der Berliner Arzt Georg Merzbach auf.

Unklar ist, ob damals bei Baer eine nach heutigem Verständnis geschlechtsangleichende Operation stattfand. Eine Operation war im Gutachten von Hirschfeld nicht empfohlen worden. Es liege auch kein OP-Bericht vor, auch der Name eines etwaigen Operateurs sei nicht bekannt, so Hulverscheid. Ihre These: Vielleicht hat es sich damals nur um eine Beschneidung gehandelt. Dazu kam die äußerliche Verwandlung: Das Kopfhaar trug Karl kurz, ließ den Bart wachsen, trug Hemd und Hose.

Hulverscheidt benutzte in ihrer Lecture bewusst nicht den Oberbegriff LGBTIQ. Sie orientierte sich am Titel des Buch: „Aus eines Mannes Mädchen Jahren.“ Sie entschied sich, der Selbstzuschreibung Baers zu folgen, mochte keine Fremdzuschreibung vornehmen.

Überhaupt riet sie zu Gelassenheit in diesen „identitätsvernarrten Zeiten“, wie es mal im Tagesspiegel stand. Auch sei das Geschlecht nur eine von vielen Zuordnungsformen.

Hulverscheidt begrüßte ausdrücklich das 2018 geänderte Personenstandsgesetz. „Jetzt ist erreicht was Hirschfeld schon 1907 gefordert ist: Über die Binarität hinaus muss es noch 3. Option geben.“ Das 20. Jahrhundert nennt Hulverscheidt das „Jahrhundert der Binarität“. Es gab nur entweder oder, schwarz oder weiß, Mann oder Frau.