News-Archiv

22. Juni 2019

Queeres Kulturhaus E2H bei Veranstaltung der Rosa-Luxemburg Stiftung in New York:
50 Jahre Stonewall: Die Schwulen- und Lesbenbewegung in den USA und Deutschland

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Axel Wippermann, Patrick Henze, Hans Kremer (v.l.n.r., Foto: Axel Wippermann)

Die Stonewall Riots in den USA im Jahr 1969 und der Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“ (1971) von Rosa von Praunheim über homosexuelle Subkultur in Deutschland waren Meilensteine in der Geschichte der Lesben- und Schwulenbewegungen beider Länder und darüber hinaus. Auch wenn die Bewegungen immer wieder mit Rückschlägen zu kämpfen hatten, so wirken ihre Errungenschaften, wie etwa die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe, aber auch eine breitere Akzeptanz von Homosexualität in der Gesellschaft insgesamt, bis zum heutigen Tag fort.

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Ellen Broidy Marc Stein Patrick Henze, Hans Kremer (v.l.n.r.) (Foto: Axel Wippermann)

Im Rahmen der Feierlichkeiten zum 50. Jubiläum der Stonewall Riots präsentierte das New Yorker Büro der Rosa Luxemburg Stiftung eine Podiumsdiskussion mit Buchautor und Historiker Marc Stein (San Francisco State University) sowie Geschlechterforscher, Berliner Polittunte und E2H-Kurator Patrick Henze.

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Axel Wippermann, Marc Stein, Patrick Henze, Hans Kremer (v.l.n.r., Foto: Axel Wippermann)

Nach einem historischen Überblick über die Anfänge und Entwicklungen der Bewegungen in beiden Ländern analysierten die Referenten ihre politischen Beweggründe und Philosophien sowie ihre Verbindungen zur antikapitalistischen Linken. Sie zeigten Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf und diskutierten, wie die New Yorker Aufstände Schwule und Lesben in Westdeutschland inspiriert, aber auch auf welche Art und Weise sich diese zur US-Bewegung abgegrenzt haben.

„Schwulenbewegung entstand inspiriert von der zunehmenden gesellschaftlichen Liberalisierung und der Frauenbewegung „

Das Gemeinsame an den Anfängen in den USA und in Westdeutschland – so Patrick Henze alias Patsy l’Amour LaLove –  war, „dass die Schwulenbewegung jeweils nicht aus dem Himmel fiel, sondern inspiriert von der zunehmenden gesellschaftlichen Liberalisierung und der Frauenbewegung entstand. Da fängt dann aber auch schon der grosse Unterschied an. In den USA beeinflusste zusätzlich die Black Liberation Bewegung den schwulen Aktivismus. In der BRD war es der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) mit Reimut Reiche, Rudi Dutschke, die studentische linke Bewegung insgesamt, die für die Schwulenbewegung die zentrale Orientierung war. “ (Mehr dazu in: Patrick Henze, Schwule Emanzipation und ihre Konflikte: Zur westdeutschen Schwulenbewegung der 1970er Jahre, Querverlag, 432 Seiten).

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Unser E2H-Mann vor Ort, Hans Kremer, im Gespräch mit Ellen Broidy (Foto: Axel Wippermann)

Natürlich gebe es wichtige Unterschiede zwischen den Stonewall Riots und dem Praunheim-Film, erklärte Broidy in der Veranstaltung. „Ersteres war jenes eine spontane Straßenaktion, während der Film die bewusste Arbeit eines individuellen Künstler war. Während sie gleichermaßen provokativ waren und Gelehrte und Aktivisten sie zu Recht als Schlüssel-Momente im Aufstieg einer schwulen Befreiungsbewegung betrachten, ist der historische Weg deutlich anders. Wie Marc formuliert hat, gibt es mehrere ‚Erklärungen‘ (mein Wort, nicht seins) dafür, warum Stonewall passiert ist. Besonders beeindruckt war ich von einer Interpretation, die sich auf die Arbeit des Politikwissenschaftlers James Davies stützte (wie im Los Angeles Advocate im Oktober 1969 zusammengefasst), der behauptete, dass Spannungen in einer Minderheit am stärksten werden. wenn die Mitglieder dieser Gruppe sehen, dass sich ihr Status nach einer Phase der Verbesserung wieder zum Schlechteren wendet.“

Tiefsitzende Frustration der Homosexuellen, wie wenig Fortschritte erzielt wurden

„Marc stützt sich auf primäre Quellen für Beweise für Verbesserungen, einschließlich der Platzierung der Stonewall Aufstände in einer aufkommenden Tradition von Demonstrationen (wie er es ausdrückt, eine „Tradition der LGBT-Direkt-Aktion“). Ich finde es faszinierend, da Marc das direkte Handeln, oder besser gesagt: die Bereitschaft einiger, sich öffentlich für die Forderung nach Rechten einzusetzen, mit Anzeichen für Verbesserungen gleichzusetzen scheint. Obwohl ich möglicherweise eine zu einfache Entlassung dieser Vor-Stonewall-Aktionen riskiere, bin ich nicht davon überzeugt, dass sie eine Verbesserung des Loses von Lesben und Schwulen signalisierten. Ich schlage vor, dass sie eher ein Ausdruck tiefersitzender Frustration darüber waren, wie wenig Fortschritte erzielt wurden – und angesichts der politischen Rhetorik sowohl in New York City als auch national, die klare Botschaften gesendet haben, die Situation für Homosexuelle würde sich weiter verschlechtern. Es war schließlich der Höhepunkt des Kalten Krieges, als jegliche Anzeichen von Abweichung, sei es Homosexualität oder Frauen, die aus ihren vorgeschriebenen Rollen austraten, als gefährlich, wenn nicht gar völlig subversiv angesehen wurden.“

In einer abschließenden Fragerunde wurden Bezüge zum heutigen Stand der Bewegungen und zu LGBTQ-bezogenen Politiken hergestellt. Moderiert wurde das Event von Ellen Broidy, frühes Mitglied der Gay Liberation Front sowie Mitgründerin des „First Annual Gay Pride March”. Sie ergänzte die Diskussion mit ihrer Expertise zur US-amerikanischen Lesbenbewegung.

21. Juni 2019

Queeres Kulturhaus E2H landet erfolgreichen ersten Aufschlag:
„In-visible Realness“ feiert Premiere im PS120

Es war der erste große Aufschlag – und gleich ein voller Erfolg! Gut 800 Besucher*innen haben am Donnerstagabend die Vernissage von „In-visible Realness“ im PS120 gefeiert. Damit haben die Queeren Kulturwochen „Somewhere Over The rainbow“ begonnen, die das Queere Kulturhaus E2H in diesem Sommer erstmals veranstaltet und damit sein Coming-out feiert.

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Foto: Brigitte Dummer

„Wir wollten ein Programm machen mit dem Anspruch, dass es uns selber nicht langweilt“, erklärte E2H-Vorstand Jan Feddersen, der im Vorfeld von großem Lampenfieber berichtete, das ihn und Vorständin Christiane Härdel befallen hatte. Über die vielen interessierten Gäste, die im Laufe des Abends in die Ausstellung strömten, zeigte er sich hochzufrieden. 600 begleitende Broschüren hatten die Kuratoren gedruckt, die waren um 20.30 Uhr bereits alle vergriffen.

Die E2H-Kuratorin Mesaoo Wrede, selbst Künstlerin und Galeristin, lobte die Vielfalt der gezeigten Werke und Performances. „Schwule oder lesbische Künstler*innen mögen sich heute nicht über Sexualität allein definieren; aber sie sehen es als Teil ihres Lebens, mit dem sie sich auch künstlerisch auseinandersetzen.“

„Das hat mich angefasst und berührt“

Auch Till-Oliver Kalähne, Eigentümer des Hauses und Sponsor der Galerie PS120, zeigt sich begeistert von der ersten großen E2H-Ausstelliung. „Was die Kuratoren Ben Livne Weitzmann und Justin Polera hier vollbracht haben, das hat mich angefasst und berührt.“

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Foto: Brigitte Dummer

Kurator Weitzmann hat seine Inspiration zum Großteil im Archiv der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft gefunden. „Es hat mich sehr fasziniert, dass es im Jahr 1919 schon das Institut für Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld in Berlin gab.“ So ist auch der psychobiologische Fragebogen, den Hirschfeld 1921 – damals in der Funktion des Sanitätsrat – herausgegeben hat, Teil der Ausstellung. Lieben Sie eine Person wegen solcher Eigenschaften, die Sie selbst ebenfalls   besitzen oder die Sie nicht haben, z. B. bezgl. Größe, Haarfarbe, geistiger Bildung  usw.?  heisst es darin. Oder: Können Sie pfeifen?

„Wir sehen die Ausstellung nicht als fertiges Statement, wir machen Vorschläge“

Am Ende des Abends ist der Kurator erleichtert und froh, wie gut die Ausstellung bei den Besucher*innen ankommt, auch wenn man es ihnen nicht leicht macht. „Man muss sich auseinandersetzen mit den ausgestellten Werken. Wir sehen die Ausstellung nicht als fertiges Statement, wir machen Vorschläge.“

Auch die Partner*innen des E2H, bei denen sich Vorständin Christiane Härdel ausdrücklich bedankte, präsentierten sich und ihre Arbeit im Rahmen der Ausstellung: Neben der Magnus Hirschfeld Gesellschaft und der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld sind dies das FFBIZ, das LAZ reloaded, das Lesbenarchiv Spinnboden, die Initiative Queer Nations, die Forschungsstelle Kulturgeschichte der Sexualität an der Humboldt-Uni sowie die Bildungsinstitution KomBi-KNZ.

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Foto: Brigitte Dummer

Architekt Peter Obstfelder, Förderer der Galerie und leidenschaftlicher DJ während des Sommerabends, machte in der Nacht ebenfalls ein glückliches Gesicht. „Für eine Vernissage war der Abend richtig gut besucht. Und dass so viele Kreuzberger und Neuköllner Kunstfans heute hierher gekommen sind, freut mich besonders.“

Die Gäste saßen noch lange draußen auf der Dachterrasse und unterhielten sich, wenn auch zuletzt ohne Musik. Dafür hatte die Polizei gesorgt, die in Berlin bekanntlich auf keiner guten Party fehlen darf.

20. Juni 2019

Das Queere Kulturhaus E2H in Zusammenarbeit mit PS120 präsentiert:
„In-visible Realness: In Berlin 50 Jahre nach Stonewall“ (Vernissage)

Doireann O’Malley, Anders als die Andern, 2009, single channel looped Super 8 film. Courtesy of the artist

Wir laden Sie ein zu unserer Ausstellung anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Stonewall-Aufstandes und 100 Jahre nach Gründung des Instituts für Sexualwissenschaften von Magnus Hirschfeld, dem „Einstein des Sex“. Obschon das Institut 1933 von den Nationalsozialisten geplündert und geschlossen wurde, wirkt der soziale, medizinische und politische Einfluss bis heute nach. Auch diese Einflüsse führten vor 50 Jahren eine versammelte Menge am Stonewall Inn dazu sich gegen die polizeiliche Brutalität zu wehren, die für die Demonstranten alle Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen symbolisierte.

Unterdessen wurden entscheidende Rechte wie die Ehe für homosexuelle Paare und die Adoption erstritten. Doch der Kampf um die Gleichberechtigung binärer und die Anerkennung nicht-binärer Geschlechter hält an. Der Bindestrich im Ausstellungstitel „In-visible Realness“ markiert die Spannung zwischen dem Erkenntlichen, dem, was unserem Auge verborgen bleibt und dem, was langsam ans Licht kommt.

Philipp Timischl Weekend Habits (MRT4000 Bouncer), 2016, Courtesy of the artist and Galerie Emanuel Layr, Vienna_Rome

Teilnehmende Künstler*innen: Samantha Bohatsch, Ariel Reichman, Carlos Motta, Doireann O’Malley, Ileana Pascalau, Nathan Storey Freeman, Nicholas Grafia, Nooshin Askari, Phillip Timischl, Shaun Motsi, Stef Morgner, Thomas Masc, Yein Lee u. v. a.

Kuratiert von Ben Livne Weitzman und Justin Polera

Galerie PS120, Potsdamer Straße 120 (U-Bahnhof Kurfürstenstraße)

Mit der Ausstellung feiern die Queeren Kulturwochen „Somewhere over the rainbow“ des Queeren Kulturhauses E2H Premiere. Das E2H entsteht in Berlin Mitte als Raum für Kulturveranstaltungen, für queere Archive, für wissenschaftlichen Diskurs, und wird Veranstaltungs- und Diskussionsort sein, kurz: ein neuer, sichtbarer Standort für LGBTIQ sowie Freunde und Unterstützer, gefördert aus Mitteln des Berliner Senats. Im Rahmen von „Somewhere over the rainbow“ finden bis zum 19. Juli zahlreiche Veranstaltungen statt – wie die Queer Lecture am 9. Juli von Livia Prüll (Medizinhistorikerin und Transaktivistin) und schon am 24. Juni die Rainbow Lecture der Magnus Hirschfeld Gesellschaft und der IQN mit Dennis Altman (Autor, Politikwissenschaftler, Aktivist).