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13. Juli

Vier mal ist das Jahrbuch Sexualitäten bisher erschienen, die aktuelle Ausgabe ist seit Anfang des Monats auf dem Markt und kann hier bestellt werden.

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Fünf Beiträge daraus wurden am Freitag im Rahmen der Queeren Kulturwochen „Somewhere Over The Rainbow“ im PS120 vorgestellt, von ersten Leser*innen. So sprach Aaron Lahl über Caroline A. Sosats Essay „Die misogyne Kränkung – Zur gesellschaftlichen Verdoppelung einer väterlichen Angst“, Victoria Preis stellte das Gespräch von Patrick Henze mit der Psychoanalytikerin und Geschlechterforscherin Monika Gsell vor über„Konflikte im schwulen Imperium – Über die psychoanalytische Homosexualitätstheorie von Judith Le Soldat“. Saša Vukadinović sprach über Benedikt Wolfs Queer Lecture „Queer. And now? – Für eine kritische Geschichtsschreibung der Queer Theory“ und erklärte bei der Gelegenheit die „Queer theory“ für tot. „Der Begriff hat 30 Jahre Geschichte hinter sich, es gibt keinen Grund darüber zu trauern“, so Vukadinović.

Kampf für Härtefall-Regelung

E2H-Vorständin Christiane Härdel sprach über Georg Härpfers Queer Lecture „Der lange Weg zur Rehabilitierung – Zum Nachwirken des § 175 StGB bis in die Gegenwart“. Auch wenn sie mit der Geschichte des Paragraphen, der erst im Jahr 1994 abgeschafft wurde, vertraut sei – der Beitrag Härpfers habe sie in seiner Klarheit und Ausführlichkeit sehr beeindruckt. Da der Paragraph über die Nazi-Zeit hinaus in der Bundesrepublik Deutschland galt, dauerte für Schwule das Dritte Reich bis 1994, wie es ein Historiker ausdrückte. Erst 2016 hat ein Rechtsgutachten gezeigt, dass die Rehabilitierung der verurteilten Männer eine Pflicht sei. 2017 wurde dann im Deutschen Bundestag ein entsprechendes Gesetz verabschiedet. Doch nur rund 200 Männer stellten einen Antrag auf Entschädigung – die zunächst nur jenen zustand, die auch im Gefängnis saßen. Ermittlungen, die zu Verlust von Arbeitsplatz und Wohnung führen konnten, stellen erst seit März ebenfalls eine Berechtigung auf Entschädigung dar. Dem Kampf von Georg Härpfner und der Bundesinteressenvertretung Schwuler Senioren (BISS) ist es zu verdanken, dass es für 5000 Männer nun eine Härtefall-Regelung gibt.

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Rainer Nicolaysen (li.) und Aaron Lahl

Im Anschluss stellte Peter Unfried den Aufsatz „Queeres Weltkulturerbe – Wie der Eurovision Song Contest ein schwules Ereignis globalen Profils wurde“ vor, den E2H-Vorstand Jan Feddersen verfasst hat. Unfried, bekennender Hetero-Fan des ESC, erzählte, er habe den Contest immer gesehen und gehört, aber alles, was er darüber wisse, wisse er von Feddersen. Dieser sei eine „absolute Autorität“ und habe mit intellektueller Annäherung dafür gesorgt, dass der Wettbewerb, dem lange Verachtung entgegengebracht wurde, einen Image-Wandel erlebt hat. Mittlerweile sei der ESC ein „Zeugnis schwulen Welterbes“, geprägt nicht von nationalistischen Untertönen, sondern von der Neugier auf andere. Das sei ein großartiger Sieg unserer Europäischen Demokratie, erklärte Unfried.

Am Ende der Kurz-Vorträge der fünf Redner*innen, die sich sehr lobend über die Texte äußerten, konstatierte der Moderator Rainer Nicolaysen: „Wir sind alle wahnsinnig nett zueinander – zu Recht.“

11. Juli

„Nur Narren tanzen im Ghetto“ von Halina Bendkowski 

Bei unserem queeren Diskussionsmaraton „Sexualpolitik kontrovers“ am Samstag im PS120 konnte Halina Bendkowski leider nicht dabei sein. Sie hat für uns einen schriftlichen Beitrag verfasst, den wir gerne hier zur Verfügung stellen.

Den Titel von Esther Kreitmann: „Deborah, Narren tanzen im Ghetto“ benutze ich, mich und andere warnend, seitdem ich ihr Buch 1984 gelesen und verstanden habe. Diese Lektion bewusst zuspitzend versehe ich sie mit dem zusätzlichem Adverb: Nur „Narren tanzen im Ghetto“.

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Halina Bendkowski (Foto: privat)

Esther Kreitmann, die unbekannte Schwester des berühmten Bruders Isaac Bashev Singer, hatte keinen Grund, anders als er, das „stetl“, das jüdische Ghetto, (vor 1933!) auch in jiddisch schreibend, so herrlich zu glorifizieren wie er und seine Brüder. Sie war zwar das Modell für ihres Bruders, später so ungemein erfolgreichen, mit Barbara Streisands verfilmten Roman YENTL, doch erwähnte der Romancier seine schreibende Schwester Esther nie als Kollegin, wie seine beiden anderen schreibenden Brüder als von ihm zu rühmende Kollegen. Sie war getrieben von der Antwort ihres gemeinsamen Vaters auf ihre Frage: „Was soll aus mir werden“? „Natürlich Nichts“ – war die Antwort des freundlichen Rabbis, dessen sie, extra für sie versteckten Bücher umso begieriger las. Diesem ‚Nichts‘ im Stetl’-Leben wollte sie entkommen und verschrieb sich glühend den Versprechungen der sozialistischen Befreiung.

Für sie blieb das ‚Nichts‘ noch vor der Shoa eine Warnung, der sie durch eine, wenn auch arrangierte Ehe nach Antwerpen zu entfliehen hoffte, während die Brüder Singer das „stetl“, auch noch, nach ihrer rechtzeitigen Emigration in die USA als Utopie in ihrer Erinnerung treu blieben. Diese Einführung soll verdeutlichen, dass das Ghetto in der Erinnerung – im Gegensatz zur Schwester, die Singer Brüder idyllisch zurückholte und die Lesenden immer noch mit der Zeichnung der so liebevoll beschriebenen ‚Luftmenschen‘ des „stetls“ bezaubert. Deren Welt ist aber nicht versunken, wie es oft im Feuilleton heißt, sondern ermordet worden.

Ähnlich die Welt der Homosexuellen und deren Subkultur in Berlin vor 1933, nicht versunken ist, sondern deren ‚Tanzende auf dem Vulkan‘ vernichtet worden sind. Ob das Ghetto historisch bedingt eingelebt, wie im früheren „stetl“ der Ostjuden oder in Ermangelung von Freiheit subkulturell von Homosexuellen erwählt scheint, solange es keine Selbstbestimmung, Durchlässigkeit und Rechte und Schutz gibt, vertut sich in der Narretei. Deren Extravaganz dient entweder zur Unterhaltung und Geschmack oder als Sündenbock nach Bedarf der Übelnehmenden.

Wie queer ist Intersectionality?

Eigentlich – 50 Jahre nach STONEWALL, könnten die old school queers der westlichen Welt zufrieden sein, dieses Jubiläum, wenn noch klaren Geistes einfach feiern zu können – wenn nicht eine Sündenschuldfrage von innen, der Vorwurf des Pinkwashing, ihren doch wunderbaren Erfolg durch verfälschende Geschichtsschreibung mies machen würde. Der heute gängige intersektionale Vorwurf, dass, wenn nicht alle vom Kapitalismus und Rassismus befreit worden sind, niemand befreit ist, ist so wahr wie eine unverbindliche Sonntagspredigt von einer erhöhten Kanzel aus, die gerne das Jenseits beschwört. Und deswegen bedienen sich diejenigen der kostenlosen Phraseologie, um sich in euphorischer Geschichtsignoranz progressiv zu inszenieren, ohne sich den Anforderungen progressiven Denkens und Handelns konkret zu stellen. Warum haben all die Gender and LGBTI Studies es überall ermöglicht, Studierte die Fakten nicht wissen zu lassen? Sowohl in den USA als auch in Westeuropa waren die Hoffnungen der 60er Jahre auf eine Beendigung des Kalten Krieges und auf eine grundsätzliche Veränderung der Weltgesellschaft aus. Das ließ sie später als eine ‚ganze‘ Generation ‚revolutionärer‘ 68er erscheinen (was nicht stimmt). Allerdings in der schönen Ballade „Tangled up in Blue“, besang Bob Dylan – schon 1975 rückblickend jene Zeit genauso romantisierend, so schön – zu schön: „There was music in the cafés at night And revolution in the air“

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„Queer Thinking“ im PS120 (Foto: Brigitte Dummer)

Nachdem insbesondere 68erInnen realisierten, dass keine Revolution, selbst mit einem integrativen Marxismus (Klasse, Rasse, Geschlecht), die Welt mit einem revolutionärem Schlag aus den Angeln hebt, begann die Theoriearbeit im und zum Konkreten hin. Alle emanzipatorischen Modernisierungsversuche einer Weltverbesserung sind nach den Erfahrungen mit dem Faschismus und Stalinismus erfolgt und lagern in unendlichen Bibliotheken und Archiven dieser Welt. Das Wissen um die Unterdrückung von Klasse, Rasse Geschlecht, hatte so lange keinen befreienden Einfluss auf die Lebenspraxis der Menschen, solange sie die Unterdrückung, wenn auch mit geballter Faust oder deprimiert von den anderen im Ghetto der Zuweisung isoliert/e. Die Verhältnisse der Unterdrückung, begannen sich zu bewegen, weil einzelne Menschen wagten, sich daraus zu bewegen und zugleich die Aufmerksamkeit danach mit Gleichen für die Öffentlichkeit zu organisieren verstanden, wie z.B. die Frauen feministisch und Lesben und Schwule, beinahe zeitgleich ihre Differenz und Abweichung zunächst ‚nur‘ für eine Dekriminalisierung demonstrierend.

Die Civil Rights Bewegung der Schwarzen in den USA war das Modell des Versuchs einer zivilisierenden Demokratie, die deren Versprechen teilend und geltend für sich und andere, bewußt auf die Probe stellte. Rosa Parks handelte gezielt am 1.12. 1955, in Montgomery/Alabama, als sie sich weigerte, den Platz im Bus für einen Weißen frei zu geben, um sich‚ ‚legal‘ nach hinten in den Bus segregieren zu lassen. Ihre Aktion war mit der lokalen Busboykott Initiative abgesprochen, um daraus den Skandal zu machen, der es war. Erst ein Jahr später- nach der ersten Massenmobilisierung der civil rights Bewegung hat der US-Gerichtshof diese Praxis der Bussegegration als nicht verfassungskonform verboten. Noch immer aber gibt es Rassismus, eine wieder zunehmende Reichenschere gegen die Armen inter/national und einen wieder mehr religiösen und antiimperialistischen (?) Hass gegen Frauen und Queers. Der Welt geht es nicht nur klimatisch nicht gut, weder eine Weltrevolution ist dagegen vorstellbar, noch eine Weltordnung entwickelt. Aber bleiben wir bei dem, was wir leisten können, bei Analyse und Kritik.

Postmoderne Linke im postmodernen Westen neigen dazu, das Weltversagen im Großen, aber auch im Kleinen, allein dem Westen, im Bewusstsein von Critical Whiteness und Antikolonialismus anzulasten. Doch warum haben die Kämpfe und Erfolge der Frauen und LGBTIQs um Gleichheit, im Westen zu mehr Freiheit geführt als im AntiWesten der 3 Ideologien oder gar Religionen? Critical Whiteness und Antikolonialismus, so nötig es ist, deren Auswirkungen zu erforschen, ersparen nicht das Nachdenken, warum allein die moralische Selbstanklage im Westen nicht von Ignoranz weiß wäscht, sondern denjenigen, die sich in militanter Selbstgefälligkeit darin beschränken, das immer Gleiche allgemein anzuklagen, ohne die Geschichte genauer studieren zu wollen, uns Narren gefährdet, diese zu wiederholen.

Es gab und gibt keinen selbstverständlichen Fortschrittsprozess

Um es ganz deutlich zu machen, die von der postmodernen intersektionalen Kritik behauptete monothematische Verengung z.B. des Feminismus oder der Gay Liberation war bereits eine Folge der dogmatisch gescheiterten revolutionären Hoffnung auf eine Allerweltserlösung. Ihr heutiger intersektionaler Vorwurf ist sowohl historisch als auch wissenschaftstheoretisch nachweisbar falsch. Es gab und gibt keinen selbstverständlichen Fortschrittsprozess. Nicht zu vergessen, ist, dass nach dem feministischen Aufbruch in Deutschland 1968, mit Helke Sanders Rede an die SDS-Genossen, einige der feministisch angeregten Frauen es wieder vermeintlich ‚radikaler‘ mit einer militanten Revolutionierung in und um die RAF herum versucht haben. Das hat, dem Feminismus sei Dank, die Frauenbewegung nicht gehindert, weiter zu gehen.

Auch die unmittelbare, international ausstrahlende Gay Power Bewegung nach Stonewall 1969, hält sich im Rückblick 50 Jahre später intersektional zugute, bereits einen Monat nach der Stonewall Rebellion, mit den ersten CSD Marsch mit der GLF (Gay Liberation Front), revolutionäre Flagge gezeigt zu haben. Das geschah in der erklärten Allianz mit allen anderen Befreiungsbewegungen jener Zeit, wie mit denen gegen den-Vietnam Krieg, mit den Black Panthers gegen Rassismus und in ‚sozialistischer‘ Solidarität mit Kuba, wo allerdings die Gays in Lagern zur Umerziehung kaserniert wurden. Deswegen kam es schon 6 Monate nach Stonewall nach erheblichen Auseinandersetzungen zur Abspaltung der GAA (Gay Activists Alliance) von der GLF. Silvia Riviera und Marsha P. Johnson, die beiden nach eigenem Verständnis ‚gay transvestites‘ und nun zu ‚Heiligen‘ der Stonewall Rebellion erklärten Ausnahmeerscheinungen, wurden Mitglieder der GAA, nachdem sie 1970 S.T.A.R. (Street Transvestite Action Revolutionaries) gegründet hatten, die wie die GAA vor allem Rechtssicherheiten für alle GAYS, wie in einem Gesetzentwurf, SONDA, Sexual Orientation Non Discrimination Act für sich ‚sofort‘ durchsetzen wollten.

Der Wunsch nach der Abschaffung der Geschlechter

Auch die Lesben in der Gay Liberation Front, verstanden sich als Feministinnen und engagierten sich bei NOW ( National Organisation of Women). Sie traten dort als „Lavender Menace“ ( Lila Übel) auf, als z.B. Betty Friedan, Rita Mae Brown von der radikal lesbischen Gruppe: The Furies, aus NOW ausschließen wollte. Trotz populären Wissens und nur einigen Beispielen über all diese Kämpfe und Interdependenzen der sozialen Bewegungen und unendlicher, internationaler Fachliteratur, wissen die jungen Adept_innen der Gender und Queer Studies nichts davon. Schlimmer noch: sie deklarieren eine Art ideologische Erbsünde des Feminismus der 2. Welle nach 68 und werfen sowohl diesen Feministinnen und selbst auch den Lesben und Schwulen und Transen gender-konformes Verhalten vor. Viele von ihnen wünschen sich nichts mehr die Abschaffung der Geschlechter.

Ironischerweise sind die heute intersektional Auftrumpfenden nicht nur geschichtsignorant. sondern praktizieren genau das Gegenteil ihrer gender non-konformen Beschwörungen. Aus dem einst queeren Bedürfnis von Lesben, Schwulen und Transen, sich fluide 4 individualisierend, den hetero-normativen Be-und Verurteilungen der Mehrheitsgesellschaft zu entziehen und sie gar freundschaftlich gay, wenn möglich einzubeziehen, entwickelt sich ein immer weiter ausdehnendes Lexikon der korrekt zu bezeichnenden und untereinander abgrenzenden GeschlechtsIdentitäten, die mit Sternchen und Unterstrichen das Lesen und Verstehen verunmöglichen. Sowie im Gotha, dem deutschen Adelsverzeichnis wird eine alle Aufmerksamkeit verschlingende Bedeutungshuberei betrieben, die dazu dient, sich gegenseitig einzuordnen, um unter sich zu bleiben. Um diese Codierung zu verstehen, muss man sich tatsächlich auf diese Art von Queer Studies beschränken.

Es könnte denen, die sich nicht ständig nur mit sich selbst beschäftigen wollen, eigentlich egal sein, was in Subkulturen als unterhaltsam gilt, aber wundersamerweise hat es genau diese Exklusivität geschafft, alles ehemals Queere über deren Schon- und Spielräume hinaus transfixieren zu wollen.

Das was als inklusiv und genderneutral propagiert wird, entwickelt sich zwanghaft zum Gegenteil von kommunikativer Annäherung. Eine permanente Ausstellung des Ichs wird abgefragt, um anstatt mit Einstellung, auch andere und anderes zu erkunden. Könnte man Verschwörungstheorien ernst nehmen, müsste man diese Art von Entpolitisierung tatsächlich als Volltreffer interessierter Kräfte bezeichnen, denen nichts Besseres passieren konnte, als Frauen, Lesben, Schwule und Transen so zu dekonstruieren, dass es sie faktisch als politische Kräfte mit Ansprüchen gar nicht mehr gibt. Die Beauftragen, für die wir uns einst eingesetzt haben, werden bald abgewickelt werden und niemand wird sie vermissen. Es vereinte einst gerade der beste Geist einer positiven Separität wieder miteinander, was die autonome Frauen- und Lesbenbewegung und Schwulen- und Transbewegung zwischendurch trennte, weil es gerade darum ging, sich auf den Stand von Gemeinsamkeiten zu bringen.

Die Zeiten haben sich geändert, der Narretei ist genug!

Nur mit sich selber beschäftigt wird das Sprechtheater zur Vermeidung von geschlechtsspezifischen Pronomen von außen entweder ganz liberal nicht ernst genommen, von rechts attackiert oder lächerlich gemacht. Aber das wäre noch nicht das eigentliche Problem, sofern der politischen Raum der Auseinandersetzung links davon nicht völlig ausgehöhlt würde. Es kommt zu Missallianzen, die einen mehr als staunen machen. Die Intersektionalen auf internationaler Bühne grüßen und solidarisieren sich wie jüngst beim antikommerziellen Queer Liberation March in NY zu 50 Jahre Stonewall mit den palästinensischen Brüdern und Schwestern und bekommen dafür Applaus. Wollen die LGBTIQAs nicht wissen und wenn warum nicht, dass laut aktuellem BBC ArabBarometer, die Palästinenser in der Westbank die absolut geringste Akzeptanz von 5% für Lesben und Schwule im Vergleich zur gesamten arabischen Welt äußern. Und die Zustimmung ist in den anderen arabischen Ländern, wie man weiß, ebenso furchterregend gering bis tödlich für die Gays. Ist das der neue intersektionale Internationalismus?

Was müssen das für Zeiten gewesen sein als Stop Making Sense ein internationaler Hit war. Die Zeiten haben sich geändert, der Narretei ist genug. Start Making Sense!

Halina Bendkowski, (agentin für feminismus & geschlechterdemokratie), hat als Mitglied der HFM = Homosexuelle Frauengruppe Münster 1975 ! gegen die Stadt Münster einen Prozess geführt, verloren und mit Widerspruch 2 Jahre später gewonnen. Es ging um die Erlaubnis für die HFM, einen Informationsstand in der Fußgängerzone aufzustellen. („die Stadt kann derartige Informationen auf stadteigenen Plätzen nicht zulassen“) 1999 gehörte sie zu den Gründungsfrauen des L/SVD, für den sie 4 Jahre lang im Bundesvorstand für die Erreichung des Lebenspartnerschaftsgesetzes aktiv war, insbesondere in Auseinandersetzung mit ablehnenden Kirchen und Feministinnen, die gegen die Ehe von Homosexuellen waren. Nicht nur diese Erfahrungen begründen ihren Titel: „Nur Narren tanzen im Ghetto“

10. Juli 2019

Queer Lecture von Livia Prüll:
„Der Trans*mensch als Mitmensch. Diversität als Chance für unsere Gesellschaft“

„Trans*menschen gab es immer schon“, erklärte Livia Prüll, die am Dienstagabend auf Einladung der Initiative Queer Nations (IQN) in die Galerie PS120 gekommen war und einen faszinierenden Beitrag zu den Queeren Kulturwochen des E2H beisteuerte: Der Trans*mensch als Mitmensch. Diversität als Chance für unsere Gesellschaft.

„Ich fühle mich sehr geehrt, dass ich etwas zum Projekt E2H beitragen kann“, erklärte sie eingangs. 

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Foto: E2H

Prüll (Jahrgang 1961) ist Medizinhistorikerin an der Uni Mainz mit 30 Jahren Erfahrung im deutschen Wissenschaftssystem, hatte 2014 ihr Coming-out als Trans*frau. Sie forscht zur Geschichte und Medizinethik der Transidentität / Transsexualität und arbeitet ferner als Transaktivistin.

Alles ist möglich im Kosmos der Transidentität, erklärte sie in ihrer Lecture. „Menschen, die sich einmal im Jahr umziehen oder einmal im Monat; andere immer nach der Arbeit. Es gibt jene, die nur Hormone nehmen, und jene, die sich für die vollständige Transition mit geschlechtsangleichender Operation entscheiden. „

Beginn der Kategorisierung nach Geschlecht
Früher sei Transidentität gar kein Thema gewesen. „Es gab Männer, die bei Hofe als Frau gelebt haben, und es gab Frauen, die in der Armee gedient haben. Erst Ende des 18. Jahrhunderts, v. a.  im 19. Jahrhundert wurde dann Leben sortiert, Menschen nach Rassen und auch nach Geschlechtern kategorisiert.“

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Grafik: Livia Prüll

Transsexualität bzw. -identität ist nicht pathologisch, erklärte Prüll und räumte ein: „Wir haben eine tolle Entwicklung hinter uns. Ich hätte vor 30 Jahren nicht an der Uni lehren können.“ Das cis Menschen noch oft ein Problem damit hätten, könne sie nachvollziehen. „Das Zuordnen-Wollen war auch in mir drin: Früher, ich wusste schon, ich war trans und lebte noch als Mann – da habe ich mal eine Frau gesehen, die sah aus wie ein Mann. Das trieb mich um, diese Frage: Was bist du?“

20 % aller Trans*leute sind arbeitslos
Noch vieles sei zu tun. Nicht allein brauche es eine vernünftige Reform des Transsexuellengesetzes. „20 % aller Trans*leute sind arbeitslos“, erklärte Prüll.  Und sagte: Es gibt etwa 200.000 trans* Leute in Deutschland- so viele wie Post Mitarbeiter.“

Sie warnte vor allzu radikalen Forderungen, die es etwas in der non-binären Szene erhoben werden. „Die Forderung,  die Anreden Frau und Mann abzuschaffen – das geht nicht.  Man kann nicht gegen Diskriminierung kämpfen und dann selber andere diskriminieren.“

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Livia Prüll im Gespräch mit E2H-Vorstand Jan Feddersen Foto: E2H

Kritisch äußerte sie sich auch zu der Forderung nach einem freien Zugang zu Hormonen. „Man muss, wenn man Respekt für sich verlangt, diesen auch für die Ärzte aufbringen, die die Rezepte schreiben.“ Hormone, so Prüll, seien immerhin ein massiver Eingriff in den Körper. Für Zurückhaltung seitens der Ärzte müsse man Verständnis haben.

Am Ende stellte sich Prüll sich den Fragen der Zuhörer*innen und antwortete sehr freimütig. „Ich erzähle immer auch intime, private Dinge, weil es das braucht, um sich verständlich zu machen. Diese Offenheit ist ein enormer Gewinn.“ 

Multiplikatoren für Offenheit
Über ihr heutiges Leben als Trans*frau sagte Prüll: „Man ist weniger krank.  Ich habe zum Beispiel auch keine Migräne mehr wie früher.“ Zudem seien Trans*menschen Multiplikatoren für Offenheit. Das Äußerste, was an Akzeptanz möglich ist, so Prüll, sei, Witze über sich selbst machen.

Was die Trans*szene brauche, sei eine größere Professionalität der Verbände. Die amerikanische Szene sei da viel weiter. Sehr lobende Worte fand sie für die Evangelische Landeskirche Hessen-Nassau, die ganz viel gemacht hat für Trans*menschen. Prüll erzählte, sie habe  viele solidarische cis Schwule und Lesben getroffen, allerdings berichtete sie aus Rheinland-Pfalz, dass es dort eher problematisch sei mit den Verbänden. Man nehme dort das „T“ in LGBTIQ offenbar als Konkurrenz wahr im Kampf um Fördergelder. Und sie äußerte ihr Bedauern, dass die von Gesundheitsminister Spahn (CDU) eingesetzte Fachkommission die Forderung nicht aufgegriffen habe, dass es auch Konversionstherapien im Trans* Bereich gebe. Hier werde eine „Chance verpasst“, da man diese nicht auch in die Verbotspläne einbeziehe.

6. Juli 2019

Diskussionen, Debatten und Gedenken mit E2H: 
Queer Thinking & 100 Jahre Institut für Sexualwissenschaft

Ein weiteres Highlight der Queeren Kulturwochen „Somewhere Over The Rainbow“ des Queeren Kulturhauses – E2H liegt hinter uns: Über 200 Gäste kamen am Samstag in die Galerie 120, um sich eins oder mehrere der fünf Panels von insgesamt 20 Teilnehmer*innen unter dem Motto „Sexualpolitik kontrovers“ anzuhören und mitzudiskutieren. Etwa zum Thema: Queerer Furor oder Harmoniesauce. Was bringt uns voran? oder Die Regulierung queerer Repräsentationen in aktuellen Serien.

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Doris Achelwilm (Foto: Facebook)

Die Sprecherin für Queer-, Gleichstellungs- und Medienpolitik der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag, Doris Achelwilm, hat für unsere Queer Thinking-Veranstaltung ein Grußwort verfasst, das hier nachzulesen ist.

Zu den Teilnehmer*innen gehörten u. a. die Gründerin der liberalen Ibn Rushd-Goethe Moschee, Seyran Ateş, das Folsom-Vorstandsmitgliedder schwule Schornsteinfegermeister Alain Rappsilber, die Bundessprecherin der Grünen Jugend Ricarda Lang, die sich gegen Hate Speech und Bodyshaming einsetzt, sowie Carsten Schatz, der für die LINKE im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt, und Ex-Pirat Bernd Schlömer: Das Thema des FDP-Fraktionssprechers für Bürgerrechte schlug eine Brücke in die nicht-queere Gesellschaft: Selbstaufforderung an den heterosexuellen Mann: Wie kann Allyship im parlamentarischen Kontext aussehen?

Eine sexuelle Revolution für den Islam!

Pünktlich um 10.30 Uhr begann der Diskussionsmarathon, rund 40 Menschen schon am Samstagvormittag gekommen. Das erste Panel zum Thema „Sexualpolitik und Religion“ bestritten u.a. die Siegessäule-Kolumnistin Doris Belmont und Seyran Ateş, die eine sexuelle Revolution für den Islam forderte. Sie zitierte den Arzt und Sexualforscher Wilhelm Reich, der 1945 geschrieben hatte: Viele Menschen wollen die Ehe für nichts anderes als die Erlaubnis, Geschlechtsverkehr haben zu dürfen. Das kenne sie von vielen türkischen und arabischen Paaren, denen sie heute als Anwältin begegnet. Wobei es ihr nicht nur um den Islam ging. „Jede Religion will das Thema Sex regeln“, erklärte Ateş. Basis der Religionen und auch der gesellschaftlichen Realität sei immer noch das Patriarchat. Einigkeit bestand in diesem Panel darüber, dass die Säkularisierung in Deutschland entschlossener durchzusetzen sei.

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Foto: Brigitte Dummer

Sind schwule Männer privilegiert?

Kontrovers ging es u. a. bei der Frage zu, ob schwule Männer im Gegensatz zu anderen Mitgliedern der LGBTIQ-Community Privilegien genössen. Peter Rausch der philosophisch-geistige Urvater der Homosexuelle Interessengemeinschaft (Ost-)Berlin (HIB), wehrte sich vehement diese These, während der LINKE-Abgeordnete Carsten Schatz dagegenhielt: Ist unser Schwulsein erstmal kein Thema, profitieren wir als Männer sehr wohl. Und der Archivleiter des Schwulen Museums, Peter Rehberg, der als Zuhörer gekommen war, erklärte: Es sei nicht leicht, sich gleichzeitig als Diskriminierter und Diskriminierender zu verstehen.

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Carsten Schatz (LINKE) im PS120 (Foto: Brigitte Dummer)

Abschaffung des Geschlechts – droht eine neue Repression?

Zu kontroversen Diskussionen kam es auch nach dem Input von E2H-Vorständin Christiane Härdel, die eine zunehmende Diagnose der Genderdysphoria bei Kindern, insbesondere Mädchen, mit z. T. irreversiblen Behandlungskonsequenzen kritisierte. Sie appellierte an einen Schulterschluss in der Community gegen diese in den USA und Großbritannien geübte Praxis, die zunehmend auch in Deutschland Anhänger*innen fände. Sie wies auf die konservative Auslegung des Geschlechtsrollenverhaltens in der Gender-Definition hin, auch in den Yogyakarta-Principles. Die Teilnehmerinnen im Publikum diskutierten, wie Solidarität zwischen Lesben und Transmenschen aussehen könnte. Transfrauen merkten an, dass sie als Frauen* akzeptiert werden wollen. Lesben drückten aus, dass biologische Frauen weiter auch exklusive Räume und Services brauchen und sich nehmen – aber dies nichts an regebogenbunter Geschwisterlichkeit und Solidarität der Lesben ändert. 

Bis 20 Uhr wurde teils hitzig, teils kontrovers diskutiert. Rund 210 Zuschauer*innen fanden im Laufe des Tages den Weg ins PS120. Und E2H-Vorstand Jan Feddersen erklärte am Ende zufrieden: Das machen wir nächstes Jahr wieder! . 

5. Juli 2019

Das Institut für Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld war die weltweit erste und bis nach dem zweiten Weltkrieg einzige Einrichtung ihrer Art. 100 Jahre nach Gründung fand an der Stelle, wo das Institut einst stand, eine Gedenkstunde mit Dilek Kalayci (Berliner Gleichstellungssenatorin), Daniel Neugebauer (stellv. Intendant HKW), Ralf Dose, Historiker (Magnus Hirschfeld Gesellschaft), Jörg Litwinschuh-Barthel (Bundesstiftung Magnus Hirschfeld) und E2H-Vorständin Christiane Härdel statt. Für die musikalische Unterhaltung sorgte Sigrid Grajek.

Senatorin Kalayci (SPD) erklärte, sie sei sehr stolz, dass im Deutschen Bundestag vor zwei Jahren das Gesetz zur Entschädigung und Rehabilitierung der homosexuellen Opfer des Paragraphen 175 verabschiedet werden konnte. Noch zu erreichen sei eine würdige Reform des Transsexuellengesetzes und das Verbot von Zwangsoperationen an intergeschlechtlichen Kindern. 

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Foto: Bundesstiftung Magnus Hirschfeld

Ralf Dose erklärte angesichts des gewählten Termin 6. Juli, es gebe verschiedene Quellen zum eigentlichen Gründungstag des Instituts. Einerseits sei vom 1. Juli als Beginn der Arbeit des Instituts die Rede, aber auch ein Termin nach dem 6. Juli sei in Quellen zu finden, an dem die Gründung stattfand. „Vorsicht im Umgang mit historischer Gewissheit!“ warnte Dose.

„Berlin hat noch eine Schuld offen“

Ob das Institut nun ein paar Tage früher oder später gegründet wurde: Es wurde 1933 von den Nazis geplündert, und aus einer Neugründung nach dem Zweiten Weltkrieg wurde nichts. „Sie war auch nicht gewünscht“, erklärte Dose und forderte: Es müsse umfassend und zentral wieder geschaffen werden. „Berlin hat da noch eine Schuld offen“, so der Historiker.

E2H-Vorstand Jan Feddersen erklärte, ohne Geschichtsbewusstsein gehe es nicht. „Wir behalten die Erinnerung wach.“ Indiskutabel sei darum auch, allzu dankbar zu sein für die Errungenschaften und rechtlichen Verbesserungen der letzten Jahre und Jahrzehnte. Mit Blick auf die Zukunft erklärte er:

Das Queere Kulturhaus, das die Tradition des Instituts von Magnus Hirschfeld fortsetzen soll als Raum für Kulturveranstaltungen, für queere Archive, für wissenschaftlichen Diskurs, als öffentlicher, populärer Veranstaltungs- und Diskussionsort – das ist nicht nur eine spinnerte Idee: „Das E2H wird 2022 eröffnet!“

Am Ende wurden bunte Luftballons in die Luft entlassen, verbunden mit guten Wünschen für eine Zukunft, in der LGBTIQ akzeptiert und für jeden die Selbstbestimmung möglich ist.

3. Juli 2019

Das Institut für Sexualwissenschaft war die weltweit erste und bis nach dem zweiten Weltkrieg einzige Einrichtung dieser Art. Vor 100 Jahren wurden es von dem schwulen jüdischen Arzt Magnus Hirschfeld zur sexuellen Aufklärung, Therapie und Beratung gegründet und in einer von ihm erworbenen Villa am 6. Juli 1919 eröffnet.

1933 wurde es von den Nationalsozialisten zerstört.

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Jan Feddersen bei der Eröffnung der Ausstellung „In-visible Realness“ im PS120 (Foto: Brigitte Dummer)

Heute will das Queere Kulturhaus wenigstens einen Teil der Lücke füllen, die es hinterlassen hat. Unser Vorstand Jan Feddersen berichtete heute Nachmittag live auf rbbKultur, warum Berlin ein queeres Kulturhaus braucht und vor allem mitten in der Stadt. Hier kann man das Interview nachhören:

3. Juli 2019 (Ausblick)

Gedenkveranstaltung: 100 Jahre Gründung Institut für Sexualwissenschaft (1919-1933)
Am 5. Juli 2019 am Haus der Kulturen der Welt, Berlin

Am Freitag, 5. Juli 2019 gedenken wir gemeinsam mit Vertreter*innen aus Politik und queerer Community der Gründung des Instituts für Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld vor 100 Jahren. Es befand sich an der Stelle, wo heute das Haus der Kulturen der Welt in Berlin steht. Und genau an diesen Ort gehen wir, um 100 Jahre nach der Gründung des Instituts diesem zu gedenken.

Grafik: Bundesstiftung Magnus Hirschfeld
Überblick und Laufweg von Südseite/HKW-Haupteingang

Das Institut für Sexualwissenschaft war in seiner Art und seiner Bedeutung weltweit einmalig: So war es nicht nur eine wissenschaftliche Forschungsstätte sowie Lehr- und Schulungsstätte. Es diente auch als Archiv und Bibliothek relevanter wissenschaftlicher Publikationen. Es war auch Ausgangspunkt für sexualreformerische Bestrebungen und ebenso ein Zufluchtsort.

Früh wurde das Institut für Sexualwissenschaft von den Nazis attackiert und nach der Machtergreifung 1933 kurz nach der Bücherverbrennung vollständig zerstört.

Veranstalter*innen: Queeres Kulturhaus (E2H), Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, Magnus Hirschfeld Gesellschaft
Mitveranstalter/Unterstützer: Haus der Kulturen der Welt 
Ort: Am HKW (auf Wiese am Spreeufer, in Sichtweite des Bundeskanzerlerinnenamtes)
Datum: Fr. 5. Juli 2019
Uhrzeit: 16:00 – 17:30 Uhr 

Programm:

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Sigrid Grajek singt am Freitag das „Lila Lied“ (Foto: Jörn Hartmann)
  1. Grußworte
    1. Dilek Kalayci, Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung
    2. Daniel Neugebauer, stellv. Intendant HKW
  2. Gedenkreden
    1. Ralf Dose, Historiker Magnus Hirschfeld Gesellschaft
    2. Christiane Härdel für E2H – das Queere Kulturhaus für Berlin
  3. Sigrid Grajek singt mit uns das „Lila Lied“
  4. Mitmachaktion mit Luftballons: Unsere Wünsche für Vielfalt und Akzeptanz

Die Teilnahme ist kostenfrei.

 

25. Juni 2019

Rainbow Lecture mit Dennis Altman: „Man sollte nicht alles auf Stonewall reduzieren“

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Dennis Altman in Berlin (Foto: E2H)

„Die Welt, die wir gewonnen haben“ – das war das Thema von Dennis Altman, der am Montagabend in der taz Kantine zu Gast war. Fast auf den Tag 50 Jahre nach Stonewall – was ist das für eine Welt? Der ganze Bundesstaat New York feiert die Stonewall Riots der letzte Juni-Tage im Jahr 1969. Und doch existiert „eine komplexere und reichhaltigere Geschichte, als die Stonewall-Feierlichkeiten uns nahe legen“, findet Altman, der bei aller Euphorie und weltweiter Feierlaune erinnert: „Es gab eine Gemengelage an Umwälzungen. Man sollte nicht alles auf Stonewall reduzieren.“

Altman, der Berlin gut vier Wochen vor dem Hauptstadt-CSD besuchte, erklärte in seiner Lecture vor über 40 Gästen: „Ich freue mich, wenn Menschen mit Regenbogenfahnen am Pride teilnehmen. Aber in Berlin riskiert man im Gegensatz zu anderen Ländern dafür nicht sein Leben.“

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Foto: I Love NY

Das sieht in Ländern wie Georgien oder der Türkei natürlich ganz anders aus, wo die für das vergangene Wochenende geplanten Pride Paraden verboten wurden; bei einem Polizeiangriff auf den Auftakt des Gay Pride Izmir wurden laut kurdischer Nachrichtenagentur ANF mindestens 20 Personen festgenommen. Auch nicht  in der Ukraine, wo in der Hauptstadt Kiew am Sonntagmorgen 8000 LGBTIQ-Personen und ihre Unterstützer nur unter massivem Polizeischutz am Pride-Marsch teilnehmen konnten, der unter dem Motto „Unsere Tradition ist Freiheit“ stand.

„Die Welt, die wir gewonnen haben, ist nicht die Welt, zu der Menschen aus anderen Ländern Zugang haben“, so der der Politikwissenschaftler und Aktivist Altman

Zuletzt ist von ihm das Buch Queer Wars (2017, Verlag Klaus Wagenbach) erschienen, gemeinsam mit Jonathan Symons. Darin erzählen die beiden australischen Wissenschaftler und Aktivisten die Geschichte einer umfangreichen Emanzipation, berichten von einer Fülle hochinteressanter, zum Teil überraschender Details, beschreiben mittlerweile weltweit verbreitete Ausdrucksformen wie etwa die Pride Parade und die Zusammenhänge mit dem Feminismus und der AIDS-Bewegung. Dabei gehen sie den sehr unterschiedlichen Ausprägungen in Ländern wie Kuba, Spanien, Indien, Südafrika oder Australien auf den Grund und machen Mut für eine Zukunft sexueller und geschlechtlicher Freiheiten.

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